Weshalb es unausweichlich und wurscht ist, mit der Zahnbürste im Mund in der Frauenarzt-Praxis Brezeln zu bestellen, und zwar m/w/d.
Kurz machte ich mir Sorgen. An diesem einen Tag, als ich meine Wimperntusche im Zahnputzbecher fand, das Brot im Kühlschrank und die Brille gar nicht mehr. Seither beobachte ich mich genauer: Ich trage ein Glas Wasser an den Schreibtisch und frage mich, nach einem flugsen Blick auf Posteingang und diversen Blitzgedanken zu einzelnen Mails, was ich mit dem Wasser wollte? Ah, ja, die Brausetablette gegen Husten darin auflösen. Der liegt noch in der Küche, wo ich gerade herkomme. Ist das Vergesslichkeit? Kommt das Alter? Oh Gott, Zettel schreiben? Seit wann das denn? Kennt Ihr das?
No need to worry, liebe Boomerinnen und Boomer, es gibt eine total einfache Erklärung. Ich kann sie wissenschaftlich nicht wasserdicht belegen, aber manchmal stimmt, was man im Bauchraum weiß. Den Faulen reicht’s im Obergeschoss, aber die Burnerboomer, die sind zu schnell. Die erleben das „Gschwind-Syndrom“, und das nimmt zu, je älter wir werden. *
Für das Gschwind-Syndrom fand ich drei sich verstärkende Ursachen:
- Burnerboomer sind Effizienzmonster.
- In der Ferne tickt die Stechuhr.
- Der Platz im Oberstüble wird knapp.
Unser langes Leben lang mussten wir im Kopf beweglich bleiben. Als wir noch so klein waren, dass wir uns nicht erinnern können, hatte mit Glück pro Dorf ein Haushalt ein Wählscheiben-Telefon. Ich brauche nicht auszuholen. Die Boomer kennen die technologischen und gesellschaftlichen Hochsprünge, die wir geschafft haben. Oder gerissen. Keine Ahnung, ob je eine Generation vor uns eine ähnliche Spanne wie wir mitgemacht hat – vom 1960 erfundenen tragbaren Transistorfernseher (Sony) bis heute, wo demnächst Schödingers Katze im Computer miaut und nicht miaut, oder auch nicht. Quantenmechanik werde ich niemals auch nur im Prinzip verstehen, aber wenn das Ding dann eine Tastatur hat … easy.

Hätte jemand unseren Eltern vorhergesagt, dass ihre Kinder später schokoladentafelartige Dinger in der Hand halten, mit denen sie telefonieren (uvm), hätten sie den Kopf geschüttelt und im Idealfall vermutet, man habe zu viele Perry Rhodan Heftle gelesen.
You see? Wir Boomer sind diejenigen, die über lange Zeit und wilde Zeiten hinweg irrsinnig effizient geworden sind, hochprofessionelle Gewohnheitstiere in XXL. Standard-Effizienz („Inge, a Bier!“) wie auch Spezialwissen, Inselbegabungen, Wunderfitzergebnisse, unnützes Know-how früherer Generationen – das alles braucht ordentlich Kapazität.
Verschärft wird die Enge im Maschinenraum nun bei den Burnerboomern durch nach wie vor beispielhafte Leistungsfähigkeit, Neugier, Arbeitswut, Lust am Neuen, Noch-lange-nicht-aufgeben – und das in einer Lebensphase, wo man schon ein bisschen die Stechuhr am Horizont sehen kann. Puh, Gas geben! Gab es da nicht so einen rechnerischen Dreisprung mit Zeit und Leistung?
Deshalb also renne ich mit der kurzen Einkaufsliste im Kopf die Treppe runter zum Drogeriemarkt. Unterwegs, mit Blick auf die Schaufenster, grüble ich über Geschenke für die kommenden Geburtstage; das Rathaus auf der anderen Seite erinnert mich an einen Termin, den ich noch bestätigen muss. Vor dem Rathaus steht ein Fahrrad, ich blicke auf die Reifen und hab sofort das wahnsinnig spannende neue Projekt vor Augen, in das ich mich demnächst geschäftlich reinwühlen darf. Darauf freue ich mich, in mir springen viele Ideen hin und her. Und dann stehe ich im Drogeriemarkt und überlege angestrengt, was dieses fünfte Ding war, das ich dringend brauchte …

Offenbar müssen wir im „Gschwind“-Modus einige kognitive Prozesse abhängen.
Wir denken, speichern, korrigieren, überprüfen sehr vieles in sehr kurzer Zeit, wir lernen, nutzen, besitzen the hottest shit . (Ohne Smartphone kommsch nit von Horb nach Ergenzingen.) Mit unserer Boomer-Supereffizienz, dem gefühlten Zeitdruck und der großen Lust am Erleben könnten wir ein paar zusätzliche Prozessoren und Speicher brauchen. Dann müssten wir im „Gschwind“-Modus eben nicht einige kognitive Prozesse abhängen. Klar soweit?
Und so überholen wir uns täglich mehrfach rechts und links selbst und stehen logischerweise irgendwann mit der Zahnbürste im Mund beim Frauenarzt und bestellen Brezeln. Siehe eingangs.
Alles ist gut. Macht Euch keinen Kopf!
(worüber …?)
Hinweis und Tipps:
| * gschwind ist ein süddeutscher Ausdruck für schnell, sofort, kurz. Er unterscheidet sich von „glei“, das so viel heißt wie sofort, jetzt, schnell. „glei“ kann aber auch heißen „Lass mir meine Ruhe“, im Sinne von (Mutter) „Machsch Du scho Hausaufgabe?“ (Kind) Antwort: „Jo, glei.“ Aber das nur am Rande. | Ich empfehle hier by the way mein Lieblingsbuch „Thinking, fast and slow” von Daniel Kahnemann, das es auch in einer sehr guten deutschen Übersetzung gibt. Das Buch ist wissenschaftlich, zäh zu lesen und voller spritziger Erkenntnisse. | In seinem wunderbarem Buch „Die 13 ½ Leben des Käpten Blaubär“ beschreibt Walter Moers ein Wesen mit sieben externen Gehirnen: Dr. Abdul Nachtigaller, Gründer und einzige Lehrkraft der Nachtschule. Die sieben externen Gehirne machen sehr sehr klug, sind aber eher keine Empfehlung für GNTM. |

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