Schon seltsam, wenn ich an den filmkitschigen Schwarzwald, an die großartige Geranienpracht vor ergrautem Holz, an die flötenden Kuckucksuhren made in (egal-wo-in-the-world, aber nicht in Furtwangen) denke, dann schwirrt es mir Denglisch durch den Kopf. Es tut mir leid, soll nicht despektierlich sein. Es ist nur: die Diskrepanz. Je tiefer es mich hineinzieht in die Geschichte, desto größer gerät diese Diskrepanz zwischen Bollenhutoberflächlichkeit und dem Respekt, den mir das Leben der Wälderinnen und Wälder mitgibt.

Wie wurden eigentlich diese großen Höfe gebaut? Einer musste ja wissen, wie aus welchem im Dezember gefällten Baumstamm welcher Balken gehobelt wurde, um anschließend an genau einer spezifischen Stelle im Dachstuhl verzapft zu werden? Wie kam eigentlich das Quellwasser zum Hof, das durch das Brunnenhäusle floß? Weshalb tummelten sich Forellen im Brunnen? Tipp: Nicht für ein Fischgericht!
(Hier der Hippenseppenhof, der früher in Furtwangen-Katzenstaig stand, 1599 erbaut, heute Teil des Freilichtmuseums Vogtsbauernhof)
Wurde solch ein Gebäude eigentlich warm gehalten? Weshalb gab es keine Kamine? Wie konnten bis zu 20 Personen im Hof über den Winter kommen, der oft so hart und kalt war, dass die Häuser in den Höhenlagen eingeschneit waren und abgeschnitten von anderen Höfen und den Dörfern? Was konnte es da zu essen geben?
Selbstbestimmt und fleißig, abhängig und arm
Die Frauen standen viele Stunden am Tag in der Rußküche, buchstäblich mit dem Kopf im Rauch, während die kleinen Kinder als Viehhirten auf den Weiden waren, im Herbst mit Strohmantel bedeckt, die eisigen Füße in den warmen Kuhfladen. Leben auf den Hof brachten die Hausierer und Störhandwerker mit ihren Waren, Leistungen und vielen Geschichten. Und schnell konnte man von einem wohlhabenden Bauern zu einem armen Bauern werden, man war abhängig von der Obrigkeit, von Krieg und Lieferketten, auch wenn man sie damals nicht so nannte. Als beispielsweise im siebenjährigen Krieg plötzlich die Schwarzwald-Waren von den Trägern und Hausierern nicht mehr über die Grenzen hinweg verkauft werden konnten, da fehlte plötzlich auch Geld in den Höfen, die sonst über den Winter Uhren, Holzlöffel und anderes hergestellt hatten . iches Elend für einige Jahre.



Und immer war man abhängig vom Wetter. Erträge waren existenziell. Es gab das Jahr ohne Sommer 1816: Gerade, als man nach dem Ende der napoleonischen Kriege aufatmen wollte, brach in Indonesien der Vulkan Tambora aus, bließ Megatonnen Staub und Asche in die Atmosphäre, legte einen feuchten, kalten Schleier um die Erde. Ernten fielen aus, Getreide verschimmelte, Menschen und Vieh waren unterernährt oder krank. Den Grund für diese Katastrophe kannte damals niemand – aber sie brachte wirkliches Elend.
Neben den Bauern gab es auch die Taglöhner, wozu waren die eigentlich da? Und wie war das mit den Uhrenhändlern, den Glasträgern, den Sägenbesitzern, den Wirtsleuten, den Vogelhändlern (ja, das war mal ein gutgehender Gewerbezweig)? Wie war das eigentlich, wenn man nicht „zum einkaufen“ gehen konnte, weil die Wege viel zu lang dauerten, jede Hand gebraucht wurde, und Geld knapp war? Ach ja, und die Fronarbeit, gab es die wirklich auch bei uns?
Ah, eine wichtige Frage: Wie war es damals mit der Liebe? Gab es die überhaupt, oder wurde halt geheiratet, gearbeitet, gestorben, vererbt?
Jetzt kommt es doch noch, das Bärbele:

„Das Bärbele, eines armen Taglöhners Kind vom Schafberg bei Gremmelsbach, war einst eine gefeierte Schönheit gewesen. Der Sohn des Reichen Bauern „in der Stude“ warb um seine Gunst, während Bärbeles Herz einem armen Burschen gehörte, der im Brunnenmättle wohnte. Die Eifersucht hetzte die beiden Burschen aneinander bei einem Tanz im Rößle zu Gremmelsbach. Der Marte vom Brunnenmättle blieb Sieger und verletzte den Nebenbuhler derart, dass er monatelan daran zu kurieren hatte. Die Sache wurde ruchbar bei der Obervogtei in Triberg, und der Marte zur Strafe unter die österreichischen Soldaten gesteckt. Man führte dazumal den Siebenjährigen Krieg, aus dem der arme Busche nimmer heimkehrte.“
„Erinnerungen einer alten Schwarzwälderin“, Heinrich Hansjakob
Ich bin froh, dass das vor meiner Zeit war. Gegen die Menschen von damals bin ich noch weniger als ein Weichei.
Man kann sich das alles kaum ausmalen.
Muss man auch nicht, man kann sich in eine Stube setzen auf die Ofenbank und sich leb- und bildhaft davon erzählen lassen, wie sich die Menschen damals organisierten, was sie können, wissen, verstehen mussten, und was sie besser bleiben ließen. Solche Geschichte und Geschichten gibt es zum Beispiel im Freilichtmuseum Vogtsbauernhof in Gutach, wo neun große Höfe und Häuser stehen, dazu Mühlen, Sägen, Backhaus, Brennhaus, Leibgedinghaus und viele kleinere Geäude und Denkmale. Der namensgebende Vogtsbauernhof steht schon seit mehr als 400 Jahren dort am Fleck. Bis auf zwei originalgetreue Nachbauten wurden die Höfe und Gebäude im Lauf der vergangenen sechzig Jahre an ihren ursprünglichen Standorten vom Süd- bis zum Nordschwarzwald abgebaut und im Gutachtal 1:1 wieder aufgebaut. Ein spannendes Programm gibt es dort auch.
Fotos: Dirk Schäfer, Jo M. Riccardi, Elisabeth
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