„Kinder, kommet rei! Dr Junghans macht Feierobend!“
Der Warnruf der Mütter war berechtigt, denn wenn tausende Junghansianer durch die Fabriktore in die schmalen Straßen nach Lauterbach oder Richtung Stadtzentrum strömten, konnten spielende Kinder einfach überrannt oder mitgerissen werden. Besser, man war aus dem Weg, damals in den 1960ern.
Es gab Zeiten, da ging aus jedem Haushalt mindestens eine/r „zum Junghans ge schaffe“, und man hatte Heimarbeit, Hausgschäft, wie man es damals nannte. Das war bei uns nicht anders. Und mich gäbe es auch nicht ohne die Uhrenfabrik Junghans. Steile These. Aber wahr.

Erika war auch eines der legendären Junghans-„Weckermädle“. Wann immer großer Besuch ins Werk kam, steckte man eine Anzahl junger Frauen in Weckerkostüme, als Empfangskomittee. Erika mochte das sehr, davon erzählt sie heute noch.

Meine Mutter Erika ist eine wirklich schöne Frau gewesen. Heute, mit 85 Jahren, ist sie immer noch eine tolle Frau, finde ich. In ihrer Jugend hatte sie so dichte, schwarze, geflochtene Zöpfe, wie man sie sich nicht vorstellen kann. Sie hat eine kecke Stupsnase, einen aufrechten Gang, lustige Augen. Bei Junghans war sie so etwas wie eine Springerin (man darf mich gerne aufklären, wie das damals hieß!). Sie besorgte Vesper, Teile, Dokumente. Man schickte sie den ganzen Tag durch das große Areal, und heute noch erzählt sie stolz, wie sie damals die vielen Stufen der neun Terrassen** hoch- und runtergerannt ist. „Damals hat einem das gar nichts ausgemacht“, erinnert sie sich. Erika war eine fröhliche junge Frau und hatte – so vermute ich – einige Verehrer. Jeden Tag ging meine Mutter zu Fuß vom Oberen Kirnbach in Fabrik, rund drei Kilometer eine Wegstrecke.
Herbert, mein Vater, war Uhrmacher. Ein groß gewachsener, sehr schlanker Mann mit dunklem, leicht gewelltem Haar. Er kam aus Lauterbach. Auch er ging zu Fuß, das war damals einfach üblich. Herberts Elternhaus war nicht ländlich-kleinbäuerlich geprägt wie das von Erika. Seine Eltern hatten nicht einmal ein Ziergärtchen, während Erika und ihre Schwester Lisa in Kartoffeläckern, im großen Obst- und Gemüsegarten, beim Sammeln von Heidelbeeren, Holz und Tannenzapfen und vielen anderen Arbeiten helfen mussten. Herbert verdiente Geld und gab davon zu Hause einen großen Teil ab.
Herbert war hingerissen von Erika. Kein Tag verstrich, ohne dass er sie abends am Fabriktor abholte, zu Fuß in den Kirnbach begleitete und dann den eigenen Heimweg nach Lauterbach antrat. Manchmal war es ihr fast zu viel. „Aber er hat mich immer abgepasst“, schmunzelt sie später, er hat erfolgreich keinem anderen Verehrer eine Lücke gelassen. Kein Wunder blieb Herbert dünn wie eine Fahnenstange. Sie heirateten bald.
And the rest is history.
History im Heute
Wenn ich heute durch das Junghans Terrassenbau Museum schlendere, wenn ich die Villa Junghans im Park der Zeiten anschaue, wenn ich das Gut Berneck betrachte oder das im Wald versteckte Mausoleum oberhalb der Weihergasse – und selbst wenn ich in der H.A.U., der ehem. Hamburg-Amerikanischen-Uhrenfabrik unterwegs bin, oder wenn ich die Nachttischschublade meiner Mutter öffne und alte Armbanduhren entdecke: ’s ist halt auch Heimat. Nicht nur der Wald und die Fasnet.

1861 gegründet, wächst Junghans rasant – aus einer Tüftlerwerkstatt wird ein Haus, das Uhrenfabrikation und Industriedesign prägt. 1903 ist Junghans bereits die größte Uhrenfabrik der Welt; der Terrassenbau, 1918 vollendet, wird zum sichtbaren Symbol für Präzision und Licht am Arbeitsplatz . Zum 100. Firmenjubiläum 1961 arbeiten rund 6.000 Menschen an täglich 20.000 Zeitmessern. In den 1950ern schärfen die „Meister“-Uhren und das Design mit Max Bill die Marke technisch wie gestalterisch. 1970 folgt die erste deutsche Quarz-Armbanduhr in Vorserie, 1972 setzt Junghans als offizieller Zeitnehmer der Olympischen Spiele Maßstäbe, 1990 krönt die Mega 1 als weltweit erste funkgestützte Armbanduhr. Danach folgte eine wirtschaftlich schwierige Phase, die im Verkauf der Marke an Egana Goldpfeil im Jahr 2000 mündete. Kurz nach der Egana-Goldpfeil-Pleite meldete Junghans im Herbst 2008 Insolvenz an. In Schramberg bleibt ein Rumpfteam. Am 1. Februar 2009 übernehmen die Schramberger Unternehmer Hans-Jochem und Hannes Steim die Marke. Seither berichtet das Unternehmen durchgehend positive Geschäftsjahre und knüpft an die starke Schramberger Tradition an.
**Der Junghans Terrassenbau ist übrigens ein Meisterwerk des bedeutenden Stuttgarter Industriearchitekten Philipp Jakob Manz (1861–1936).
Hier gibt’s richtig viel gute Information: https://museums-geschichtsverein-schramberg.de/kraez; https://junghans.de/uhrenfabrik/#terrassenbau-museum; https://junghans.de/uhrenfabrik/#history
Fotos: Junghans Terrassenbau Museum / Matthias Hangst; Jo.M.Riccardi

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