„Es sind nicht alle Seckel nach Amerika“

Schreiner- und Glasermeister Franz Fuß, 1883 bis 1958, Schramberg ||

Verzeihung. Es muss raus: Ja, richtig, es sind nicht alle Seckel nach Amerika. Aber zugegeben: Die Seckeldichte ist bemerkenswert. Ich weiß gar nicht: Ist Seckelhaftigkeit im Land of the Free inzwischen ein KPI (Key Performance Indicator) – also eine Leistungskennzahl? Hier im Länd hält man unseren Seckeln noch mit Moral dagegen, aber diese Maßeinheit nutzt sich zunehmend ab.

Luft holen. Wir sind Exportweltmeister. Gewesen, ja ja, ich weiß. Im Moment sind wir in wenigen Bereichen Weltmeister, vielleicht in der German Angst. Aber egal, es geht jetzt mal ausnahmsweise nicht um unsere naturtrübe Grundbefindlichkeit: Könnte es sein – meine These – dass wir auch im Seckel-Export meisterlich sind? Dass der Seckel-Anteil unter den Millionen Wirtschaftsflüchtlingen der 1900er Jahre in den USA auf fruchtbaren Boden fiel und sich vervielfacht hat? Zuzutrauen wäre es uns. Es sieht so aus. Ich bitte um Entschuldigung. Ich bin einfach gekränkt.

Das Zitat stammt von Schreiner- und Glasermeister Franz Fuß, der damit seinem Ärger mit der Schramberger Stadtverwaltung Luft machte. Die Verwaltung war nämlich, so ist dokumentiert, mit seiner „Schwarzbrauerei“ an einem Werkstattgebäude seines Betriebs nicht einverstanden. Zeitlich lässt sich die Entstehung des Zitats nicht exakt zuordnen, vermutlich entstand es vor Mitte der 1950er Jahre. Der Fuß’sche Stoßseufzer wurde in Schramberg schnell vom Volksmund als Redensart aufgenommen und von nachfolgenden Besitzern der Werkstattgebäude an der Hausfassade verewigt.

Noch bevor ich geradeaus denken konnte (sic!), wollte ich Indianer im Wilden Westen werden. Das war mein Berufswunsch. Kein Grund für Gelächter an der Stelle! Ich glaubte Karl May, was denn sonst. Ich lernte alle amerikanischen Bundesstaaten auswendig. Das war ein Aufwand damals in Boomerland, wir hatten kein Internet, wir hatten den großen Brockhaus. Ich liebte Chewing Gum. Wrigleys, Metro-Goldwyn-Mayer, Fred Astaire, Flipper, Fury – alles saugte ich auf. Für mich war Amerika großartig. Meinen ersten Mustang zähmte ich mit 2 Jahren. Den anderen später.

In der vierten Klasse der Grundschule begann ich, auf eigene Faust Englisch zu lernen. Und als ich erwachsen wurde, änderten sich die Namen, aber nicht meine Begeisterung. Für Robert Redford hätte ich einen Hausaltar gebaut. Ja, es kam auch viel Schräges aus den USA. Aber bedrohlich schien mir das nie, und kein Grund zum überheblichen Fingerzeig ‚gen Westen. Der blauäugige Indianer in mir sah die Menschen, bewunderte Kultur, freie Ideen, Silicon Valley, großartige Landschaft, Kunst, die schiere Größe und die Lässigkeit der Cowboys.

HEUTE. Heute teilt mein weißer Bruder Sonnen(creme)könig Europa in Einflusszonen ein. Musk ruft zur Abschaffung Europas auf, weil er als voraussichtlich weltweit erster Billionär stinkig ist über eine für ihn lachhafte Geldstrafe der EU gegen X. Der Trumpismus unterstützt antidemokratische Kräfte, ruiniert die eigene Demokratie und unterminiert nach Gusto die Souveränität von Gesellschaften und Regierungen in der Welt. Ach Bruder … das ist nicht neu – Kuba, Watergate, Vietnam, Iran-Contra, Pinochet in Chile – aber ich dachte, es sei überwunden, unsere gemeinsame freie Welt wäre weiter. Weit gefehlt.

Wenn ich in den Spiegel schaue, schüttle ich den Kopf. Schreinermeister Fuß hat recht. Ich Seckel! Wie konnte ich so lange an diese Beziehung glauben? Mein Herz schmerzt, und bis in die Synapsen durchsickern will es noch nicht, dass wir uns trennen sollen … Nun denn, durchatmen, Krönchen richten, weitermachen, because:

„You Germans… I honestly don’t get it. Whatever comes your way, you sort it out, fix what needs fixing, and somehow end up stronger than before.”

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