Was wir nicht sagen können

„Oh, das schmeckt aber richtig umami!“ What? Umami ist einer der fünf Grundgeschmäcker – neben süß, sauer, salzig und bitter. Das Wort stammt aus dem Japanischen und bedeutet so viel wie „wohlschmeckend“, „herzhaft“ oder „würzig-lecker“. Und schon geht es los mit unserer Wortlosigkeit. „Umami“, ist das zum Beispiel Blumenkohl mit Sahnegorgonzolarahmsoße? Wie genau schmeckt denn Sahnegorgonzola? Süßlich, leicht scharf, etwas salzig? Wie wäre die exakte Beschreibung, sodass jeder Mensch dasselbe versteht, weil er aus der Beschreibung den Geschmack eindeutig erkennt?

Wir können nicht beschreiben, wie sauer schmeckt. Sauer eben. Sauerbraten? Ja. Sauerkraut. Auch. Dabei schmecken Sauerkraut und Sauerbraten in jeder Region anders, und selbst die Omas im Kirnbachtal legten den Sauerbraten unterschiedlich ein. Im Fühlen sind wir etwas besser als im Beschreiben: Beim Gedanken, beherzt in einen dicken Zitronenschnitz zu beißen, schießt uns allen die Spucke in den Mund. Das kennen wir. Bei der Vorstellung, den Finger in die Tür einzuklemmen, spürt jede/r sofort die besondere Art von Schmerz – und wie er nachlässt. Aber welches Wort beschreibt ihn?

Wie gelb ist sonnenblumengelb?

Kommt drauf an.

Wie schmeckt ein Eiszapfen? Wie fühlt sich bodenlose Enttäuschung an? Welches Gefühl habe ich, wenn ich singe? Glücklich ist ein Tausend-Arten-Wort. Wie riecht Metall? Wo spüre ich meine Empathie? Warum kann ich mich nicht mit dem Knie schämen? Wie beschreibe ich Orgeltöne? Dick – ist das ein Gefühl oder ein Zustand? Wo und wie tun Kopfschmerzen weh? Der Frühling riecht nach …? Was zappelt, wenn ich mich richtig auf etwas freue? Was zappelt, wenn ich nervös bin? Was zappelt, wenn ich total ungeduldig werde? Wenn ich nicht mehr durstig bin, was bin ich dann? Wenn ich fast ausgetrocknet bin, wie genau schmeckt der erste Schluck Johannesbeerschorle? Wenn mich ein Mückenstich juckt, wie fühlt sich das an? Juckig? Wo wohnt die Heimat in mir? Wie klingt ein Airbus-Triebwerk ganz genau? Ist Leitungswasser geschmacksneutral? Welche Worte beschreiben exakt den Geräusch-Unterschied zwischen einem Vierzylinder und einem Zwölfzylinder?

Der Duft eines Parfüms?

Es gibt Skalen, um diese lexical gaps – die Wortlücken – zu füllen. Parfümeure wären ohne Skalen wortlos aufgeschmissen. Aber wie duftet nun Chanel N°5? Angel? La Petite Robe Noire? Ich könnte es nie genau beschreiben. In der Medizin wird mit Wortlisten für Schmerzbeschreibungen gearbeitet. Wer je eine Gallenkolik erlitt, weiß: Es tut einfach höllisch weh. Je nach Land und Notwendigkeit bietet die Sprache Differenzierungen. Ich erinnere mich noch gut an den Film Fräulein Smillas Gespür für Schnee. Sie sagte „Ich kenne 22 Namen für Schnee, weil ich in Grönland geboren bin.“ Wir im Schwarzwald kennen Neuschnee, Pulverschnee, harschen oder sulzigen Schnee und Matsch. Reicht zum Überleben, weitgehend.

Dann reden wir halt mehr!

Ganz generell betrachtet: Dass wir uns trotz der zigtausend fehlenden Worte zwischenmenschlich irgendwie verstehen, ist nicht selbstverständlich. Wir haben nicht dieselben Emotionen, nicht die selben Erfahrungen, nicht dieselben Bedürfnisse. Nur bei der Zitrone scheint es einen passablen Konsens zu geben.

Aber, echt jetzt, schade ist es schon um die ganzen Wörter, die nie in die Welt kamen, obwohl man sie so gut brauchen könnte.

Foto: Jo.M.Riccardi; KI

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