Twiggy. Spindeldürre Stil-Ikone der 1960er Jahre. Sie wog zwischen 41 und 45 Kilo und war 165 bis 170 cm groß, je nach Quelle. Jedenfalls: Sie sah supercool aus mit ihren riesigen Augen, der knuffigen Bob-Frisur und ihren dünnen Beinen, die den skandalös knappen Minirock pointierten.

Man kann ja nie nachweisen, welche Einflüsse einen in Kindheit und Jugend bis zu welchem Maß prägen. Aber Twiggy war Vorbild einer Generation und wartete schon auf uns, als wir Boomer-Mädchen uns vom Kind zum pausbäckigen Teenie verpuppten.
Und was passierte mit uns, noch bevor wir einen soliden Hausverstand entwickeln konnten? Wir fragten uns: Bin ich zu dick? Bis auf wenige in der Klasse, die in die Höhe schossen und ein ganz anderes Thema mit sich hatten.
Kalorien & Kilo: das übermächtige Doppel
Es ist wie verhext, und ich würde behaupten, das trifft auf mindestens jede zweite von uns zu: Kaum entwickelt man die Körperwahrnehmung einer jungen Frau, schon geht’s los, mit den eigenen Ausmaßen zu hadern. Meist dauert der Kilo-Abwehrkampf ein Leben lang, mit gewonnenen und verlorenen Schlachten. Wer ein ganz normales Körpergewicht halten kann, wer vielleicht sogar „schön schlank“ bleibt, hat den Krieg gewonnen, Chapeau! Denn das bedeutet Disziplin, Bewegung, gesunde Ernährung.

Mit Pommes Schranke und drei Aperölchen als Belohnung für eine einstündige E-Bike Radtour ist es nicht wirklich getan.
Nein, Gewicht zu halten oder gar zu reduzieren fordert Maßnahmen. Sportstudios freuen sich auf den Januar-Boom: Schlechtes Gewissen (Weihnachten) und gute Vorsätze (Neujahr) treiben Pfundige in die Maschinen-Knechtschaft. Ratgeber, Mittelchen und viele Angebote helfen dabei, dem Kalorien&Kilo Doppel die Stirn zu bieten. Immer noch – seit wann eigentlich genau? – gilt in unserer so-genannten „westlichen Welt“ ein schlanker, sportlicher Körper als Zeichen von Willensstärke. Das Gegenteil trifft leider auch zu. Obwohl es wirklich niemanden etwas anzugehen hat, gilt Übergewicht als Schwäche, als Problem, an dem man selbst schuld sei.
Und jetzt kommt die Spritze.
Ja dürfen die das denn? Sich gemütlich auf der Couch bei Chips und Bier schlankpieksen? Wir sind eine durch und durch meritokratische Gesellschaft, Hochachtung für Leistung, Verachtung für Versagen. Man muss sich etwas verdienen. Verdientes Geld ist besser als „nur geerbt“, und wer wenig hat, hat es nicht geschafft. Erfolg ist sexy. Symbole des Erfolgs, wohin man schaut. Der gutaussehende Typ im fetten Sportwagen ist ein Held. Und Neid, wohin man schaut: Die schicke junge Frau in fetten Sportwagen? Hey, wo ist ihr Sugar Daddy? Wer einen Doktortitel hat, hat etwas dafür getan. Dass Männer mit Doktortitel regelmäßig bei Gemeinderatswahlen in der Gunst des Wahlvolks vorne liegen, hat mit unserer Hochachtung für Leistung zu tun, nicht zwangsläufig mit der Leistung selbst.
Ah, und jetzt kippen Ozempic, Wegovy & Co. das Statussymbol Schlankheit vom Sockel. Wer will, gibt sich die Spritze und nimmt ab. Echt jetzt, ist das gerecht? Nein, scheinbar nicht, und das Gezeter ist verwirrend: Da ist der Neid auf die Milliardäre und Millionäre, die sich auch sonst alles kaufen können. Eine angesehene Tageszeitung veröffentlicht einen hämischen Artikel über das „Ozempic face“ von Jeff Bezos und labert (sic!) vom „Abnehmwahnsinn“. Diesen alten Wort-Hut haben schon Kain&Abel getragen. 300 Euro sind viel Geld, aber auch für viele so-genannte Normalbürger:innen nicht ganz unerreichbar. Man besorgt sich online die Spritzen, ob übergewichtig oder gewichtsvorsichtig: Eine halbstündige Reportage im Öffentlich-Rechtlichen zeigt, wie einfach das geht – natürlich im Moll-Ton journalistischer Enthüllung, und versehen mit ausreichend Warnhinweisen.

Endlich egal.
Wenn die Wirkung der Medikamente so zutrifft, wie sie beschrieben ist, und wenn die Nebenwirkungen gering sind, dann stelle ich mir den Stoßseufzer sehr vieler Menschen vor: Endlich! Keine Heißhungerattacken mehr, gegen die man mit unendlicher Verzweiflung ankämpft und dennoch verliert. Die Gedanken kreisen nicht von morgens bis abends ums Essen. Man kann dieses blöde Thema einfach vergessen, bis der Magen wieder knurrt. Der Genuss ist wieder da. Man ist satt, wenn man satt ist. Man ist zufrieden, weil die Waage endlich die Klappe hält – oder angenehme Nachrichten sendet. Und gesünder ist es allemal, ein vernünftiges Gewicht zu haben.
Ich glaube, diese Spritzen (oder bald auch Pillen) ändern nicht die Menschen. Sie machen aus einer Sportlerin keine Couch Potato, und aus einem bequemen No-Sports Fan nicht auf einmal ein atlethisches Gebilde. Wir Menschen sind, wie wir sind: Wie wir mit uns umgehen, ist unsere eigene Verantwortung. Wir können jedes Werkzeug auch missbrauchen, der Prometheus steckt in uns. Das wäre – wie immer – leider schade, aber Vernunft und Augenmaß konnte man noch nie aufzwingen.
Anm.: Wenn ein Mensch schnell viel Gewicht verliert, sieht man das dem Gesicht an: Falten, eingefallene Wangen, härtere Züge. Weil man mit den neuen Medikamenten schnell viel abnehmen kann, macht das Wort „Ozempic face“ die Runde. Der Boulevard schaut den Stars und Reichen neuerdings noch genauer auf die Stirn.
Fotos: Chris Curry http://www.chriscurry.co.uk/; alamy stock photo; Unsplash; Wikimedia Commons Tim Reckmann Hamm, Deutschland

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