So so, ich leide also an einer kognitiven Verzerrung. Ich habe den optimism bias. Bei mir ist das Glas immer halbvoll. Nicht halbleer. Vielleicht sogar mehr als halbvoll, oft ist mein Glas dreiviertelvoll. Dann kippe ich es in vollen Zügen runter und zack: Läuft super, schon wieder immer noch mehr als halbvoll. Nun ja, nicht immer. Selbstverständlich hält das Leben Zitronen bereit für jede:n. Da ist der Rat „Dann mach halt Zitronenlimo draus“ nett aber doof: Wie soll man einen existenziellen Tiefschlag, zähen Liebeskummer oder einen selbstverschuldeten Misserfolg überzuckern? Wenn, dann Likör, nicht Limo.
Aber ganz generell: Am Optimismus ändern Zitronen nichts.
Zweierlei scheint der Fall zu sein: In meinem charakterlichen Werkzeugkoffer zählt der optimism bias zur Grundausstattung. Und darüberhinaus ist seit meiner frühesten Kindheit die Überzeugung im Hause Birkel daheim, dass alles jedes Jahr besser wird. Ich habe Optimismus gelernt. Ich erinnere mich an das erste Auto meiner Eltern, ein Opel Rekord in beige. Was für ein riesiges Gefährt! Oma Marri war ernsthaft beleidigt damals, weil man entweder zu Fuß ging oder mit dem Bus fuhr. Ein Auto war ein völlig übertriebener Luxus. Ja, es ging uns gut. Jedes zweite oder dritte Jahr kam das alte Auto weg, und ein neues, schnelleres, schöneres schmückte den Hof. Herbert war stolz, Erika aufgeregt. Marri nahm es murrend hin, Opa Sepp interessierte es nicht. Ich wollte Blue Jeans tragen. Ich bekam sie. Ich war der größte Wrigleys Fan in Germany. No problem.

Nur einmal bekam die Autobahn in die immer noch bessere Zukunft Risse im Asphalt.
Und auch daran erinnere ich mich genau: Es hatte geschneit, und auf der sonst so gefährlich vielbefahrenen Landstraße zwischen Schramberg und Hardt durfte man Schlittenfahren, den ganzen Sonntag lang. Obwohl alle Erwachsenen zunächst sorgenvoll blickten – was relativ neu war – hatten auch sie irgendwann ihren Spaß, und so fuhr der ganze Obere Kirnbach Schlitten und Ski, holte sich bei Opa Sepp eine Runde Schnäpsle ab und vergnügte sich plaudernd.
Nach der Ölkrise wurde man vorsichtiger, das Aufstiegsversprechen hatte einen Macken. Mir kam es so vor, als wären die Leichtigkeit und die Selbstverständlichkeit abgelöst worden von so etwas wie Anstrengung, Sorgen, manchmal Erschöpfung. Wer etwas erreichen wollte, musste Vollgas geben. Und das Erreichte wurde allgemein gemessen am sichtbaren, am hergezeigten Wohlstand. Bei uns daheim klappte das nach meiner Wahrnehmung. Meine Eltern hatten zwei Autos. Was sollte einen noch reicher machen?
Genetisch gerüstet und sozialisiert im Glauben, dass alles gut wird – oder werden kann, wenn man sich nur anstrengt – schaue ich immer zum Jahresende zurück auf meine Pläne, und was davon geklappt hat. Und ich mache Pläne für das kommende Jahr, das einfach aus sich heraus die Chance birgt, ein wahnsinnig krass geniales Jahr zu werden. Dass der Rückblick manchmal ernüchternd ist (Likör, bitte!) ändert nichts an den Chancen, die die Zukunft bietet. Natürlich könnte ich mir sagen, wie so manche Freundinnen und Freunde: „Lieber abwarten. Alle Zeichen stehen schlecht, die Wirtschaft ist im Keller. Wo man hinschaut, Dummköpfe, Despoten und Katastrophen. Ich freu mich erst dann, wenn ausnahmsweise mal was gut läuft.“ Halb leer. Kann man machen. Ändert aber nur eines: Man läuft mit großer Skepsis leicht gedrosselt durch das Leben, statt voller Energie mit großer (Vor-)Freude. Man hat natürlich recht: Nicht alles läuft glatt. Man spürt aber vielleicht nicht an der hinteren Magenwand das Kribbeln, wenn sich eine unerwartete Chance den Weg bahnt. Der Fokus ist anders. Vom Motorradfahren weiß ich: Man fährt dahin, wohin man schaut. (Oder, um den besten Fahrlehrer Achim zu zitieren: „Guckst Du scheiße, fährst Du scheiße.“)
Ich würde gerne meinen optimism bias teilen. Er wird für mich dadurch nicht kleiner. Wenn viele, wenn kurz mal alle den Fokus darauf richten, was gerade WIRKLICH gut ist, und was man wirklich gut kann, und was man wirklich gerne tut, und womit man sich für etwas Gutes einsetzen könnte, dann kämen wir weiter weg vom Raunen, Maulen, Schlechtreden, Befürchten. Kann man sich doch gut vorstellen, oder? Wenn 100.000 Menschen sich für etwas einsetzen? Oder dieselben 100.000 Menschen in ein Loch rein schimpfen? Also ehrlich, lieber das dreiviertelvolle Glas, und wer sagt, dass da nur Wasser drin ist? Wäre auch mit einem feinen Rieslingschorle denkbar. Stay optimistic.
Fotos: Elisabeth // Autofreier Sonntag (Dezember 1973), veröffentlicht in: German History in Documents and Images, <https://germanhistorydocs.org/de/zwei-deutsche-staaten-1961-1989/ghdi:image-2423> [12.12.2025].

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