Uffbassa: Dieser Text ist politisch nicht korrekt. Er enthält Meinung, Erfahrung, Vorurteile, falsche Schlussfolgerungen, viel Erinnerungslametta, dumms Gschwätz. Professoral fundiert ist dieser Beitrag nicht.
À propos dumms Gschwätz: „Ahja, Fasching, das ist doch Fröhlichkeit auf Bestellung und Saufen. Das ist nicht so mein Ding.“ Wer als Narr diesen Satz hört, verdreht die Augen. Sag einem, der keine Ahnung hat, dass er keine Ahnung hat, das aber nicht weiß. Dunning-Kruger der Fasnetsklugscheißerle. „Ah, komm gang.“
Gleichwohl, es könnte sein, dass es Menschen gibt, die NOCH keine Ahnung von und keine Meinung zu Fasnet haben. Deshalb zwei, drei Worte:
Fangen wir bei der Seele an.
Wenn ich unseren Schramberger Narrenmasch höre und die Lieder, die unsere Fasnet hat, stellen sich mir alle Härchen auf. Manchmal zieht sich mir sogar der Kehlkopf ein bisschen zusammen und ich muss zweimal schlucken, sonst kommt’s zu den Augen raus. Klar, wir erkennen sofort, ob ein Narro- oder Hansel-Gschell „von uns“ ist oder aus dem Ausland. Wenn bei strahlendem Sonnenschein hunderte Hästräger die Steige herabspringen, ist das – man möge es glauben – ein erhabener Moment. Oder unsere Bach-Na-Fahrer, die uns mit ihrer knallvollen Lebensfreude anstecken und auf ihren kippeligen Zubern herumkaspern, als wäre nicht Februar, 0°C und das Bachwasser scheißkalt, sondern Summer in the City. Und erst nachts, in den Kneipen, wo völlig ungeplant Reimkunst entsteht, wo eine Musik- oder Aufsagergruppe nach der anderen für Programm sorgt, wo spontan eine Katzenmusik gegründet, ein neues Fasnetsmotto ersonnen oder einfach so lange auf dem Tisch getanzt wird, bis … (egal, der Tisch aufgibt, d’Füaß wehdond, der Durst einen runtertreibt, der Tag kommt). Mitten drin ist man, und hat aufgegeben über E-Mails nachzudenken, über Reklamationen, Liefertermine, die kaputte Waschmaschine. Tag, Uhrzeit, Zustand, Barbestand – alles fluide. Mitten drin in der glückseeligen Fasnet löst man sich auf – und das kann so weit gehen, dass man mit Menschen, die man noch vor kurzem als Granataseggl nicht mal ignoriert hat – dass man mit denen anstößt oder gar schunkelt. Solche Spontanheilungen von zerrütteten Verhältnissen halten sogar noch nach der Fasnet. Nicht in aller Überschwänglichkeit, aber immerhin, man grüßt sich wieder.
„Fröhlichkeit auf Bestellung“? An alte Scheiß!
Fröhlichkeit, was für ein Leichtgewichtszustand gegen das, was unsere Fasnet ausmacht! Warum wohl heißt es „a glückseelige Fasnet“? Weil es um Glück geht und um die Seele (siehe oben). Weil wir eintauchen in die wilde, ungezügelte, anarchische Zeit. Und wie bitteschön, Ihr Fasnets-Klugscheißerle (siehe nochmal oben), wie soll man Seelenglück bestellen? Wenn mein Bruder vollkommen in der Fasnet aufgegangen war, sagte er „Ohjeh, mi hot ‚d Fasnet so dermaße verwischt!“ (verwischt = erwischt). Das kennen wir Närrinnen und Narren. Und wir kennen auch das schale Gefühl, wenn sie uns nicht verwischt: Wir können mit den massivsten Vorsätzen losziehen, zum Zunftball oder auf die Straßenfasnet, uns vor Vorfreude kaum halten, durch die Kneipen tingeln – aber manchmal spüren wir nichts außer einer lauen Erheiterung. Wir langweilen uns. Wir finden das Programm lahm, die Zugaben unnötig, die Witze vorhersebar. Über unsere Späße lacht keiner. Unser Tanz auf der Festbank ist nicht groovy sondern peinlich. So ist es, wenn einen ‚d Fasnet nicht am Kragen packt. Sie lässt sich nicht bestellen. Wir trinken noch einen Sekt und zotteln auf den Heimweg. Unterwegs kann es passieren, dass man durch die Fenster einer Kneipe schaut, in der der Bär tobt. Ein letzter Versuch und … aaaaah jaaaa, da ist sie. Seelenglück.


Im Ausland
Ich war auch schon im Ausland an Fasnet. In Rottweil zum Beispiel. In Gengenbach. Da war es auch schön, ja wirklich. Ich war sogar mal in Ulm am Schmotzigen, man sollte nicht meinen, wie herrlich ungezügelt die Ulmer durchdrehen und festen können. Ich war enorm beeindruckt und gab meinerseits mein Bestes. Im Ausland, egal wie schön die Häs, wie traditionell die Bräuche, wie bunt die Umzüge: Gänsehaut krieg ich nicht, die kribbelt nur daheim. Und ebenso durchschauert es jeden Rottweiler und jede Rottweilerin, wenn am Fasnetsmontag beim Glockenschlag um Punkt 8 Uhr der Narrensprung losgeht. Halb Villingen heult vor Rührung, wenn am Fasnetmeendigmorga die Musik den Narrenmarsch spielt und die Rollen der ersten Narros am Niederen Tor zu hören sind: „de Narro so stolz goht durch d’Stadt“. In jedem Dorf, in jedem Städtle leben die Bräuche, und an jedem Ort ist es ganz zweifellos am allerschönsten!
Und jetzt zum Saufen – das rät Frau Doktor:

Es braucht gar keinen Alkohol. Seelenfreude gibt es auch ohne Promille, kein Gschwätz. Und dumm ist es sowieso, am Schmotzigen so einzusteigen, dass man am Fasnetssamstagmorgen der Muttersprache verlustig ist. Das ist Fasnetsmissbrauch. Nur Anfänger tun das. Aus eigener Erfahrung würde ich sagen: Die Promilleobergrenze ist erreicht, wenn man noch weiß, mit wem man redet. Dann kann man immerhin am Tag drauf nachfragen: „Sag mol, han i letscht Nacht an Scheiß an di nagschwätzt?“ Wenn die Antwort lautet „Des weiß i au nimme“, ist alles gut.
Experten wechseln Schorle mit Cola oder Sprudel ab und trinken sich auf ein dezentes Level, das sie dann so lange halten, bis sie zu Hause angekommen sind. Oder eben an dem Ort, wo das Nächtigen stattfinden sollte, in Hotel, Wohnmobil, Gästezimmer oder Schlafsofa. Völlig überrascht irgendwo aufzuwachen, zum Beispiel mit dem Kopf auf dem Wirtshaustisch, isch au a bissle u’gschickt. Denn no weisch au sonscht nix meh.
Und noch wegen dem Tschendern: Ich schreibe von „Närrinen und Narren“ und meine damit Damen, Herren, Falkenhexen, Hästräger im allgemeinen, Schnupfelfinger im besonderen, Lauterbacher, alle -innen und jedwedes Wesen, das sich der Fasnet mit Leib und Seele verschrieben hat. Und alle dazwischen und außerhalb. Narri Narro!

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