Wie Oma Marri mit Schnittlauchbrot den Indianer in mir rettete
Es gibt diese Marktstände bei uns im Schwarzwald, die frisches, selbstgebackenes Holzofenbrot anbieten, groß oder klein, etwas dunkler oder heller in der Kruste. Gerate ich in die Nähe eines solchen Standes, kann ich nicht anders: Der Gedanke an eine prächtige Scheibe Bauernbrot, an einen Block harter Butter und an den scharfen Geschmack von fein gehäckseltem Schnittlauch führt mich zurück zu meiner Oma Marie. Bei uns im Schwarzwald betont man Marie nicht auf die französische Art. Wir sprechen eher herb, also Marri. Oma Marri selbst war auch herb. Wir verstanden uns gut.
Sie verstand mich gut: Wann immer ich jähzornig und bockig wurde, befahl sie mich in ihre Küche und „richtete“ mir ein dickes Schnittlauchbrot. Sie drückte es mir wortlos in die Hand. Ich mampfte mit großen Bissen, die Backen rund, gefüllt mit der leckeren Masse. Ah! Die Welt war wieder meine, und ich rannte raus durch die Bäume in die Wiesen und den Garten, wo den ganzen Sommer über irgendwas wuchs, was man essen konnte. Grüne Stachelbeeren zum Beispiel, aber die durfte man nur heimlich pflücken. Sonst hätte es Bauchweh gegeben.
Erzieherisch kümmerte sich Marri nicht um mich. Ich war eben vorhanden, und sie hatte zu tun mit Garten, Schweinen, Geißen, Hühnern, Äckern. Meine Eltern arbeiteten derweil am Wirtschaftswunder, damit sie sich einen Audi leisten und mich mit Tschuingam versorgen konnten. Wrigleys trug nicht unerheblich zu meiner Sehnsucht nach dem Wilden Westen bei.
Ich war ebenfalls beschäftigt. Barfuß galoppierte ich ums Haus, das Hufgeklapper des imaginären Präriemustangs mit der Zunge schnalzend, und bereitete mich auf meinen Beruf vor: Indianer. War klar. Die Indianer waren mutig, edel und bedroht. Sie brauchten Hilfe gegen die Schurken. Ja, ich glaubte Karl May, und ich war fest entschlossen. Zu einer Zeit, in der ein viertelstündiger Besuch von Knecht Ruprecht zu einem ganzen Jahr Wohlverhalten zwingen konnte, war Indianerhäuptling auch ein Beruf. Niemand klärte mich auf.
Die Nachbarskinder litten nicht wenig unter meinem Führungsanspruch. Wen ich nicht leiden konnte, der musste den Cowboy spielen, mit allen Konsequenzen. Anstrengend wurde es, wenn sich die Cowboys als schneller oder stärker herausstellten und ich diejenige war, die abhauen musste. In der Küche von Oma Marri war ich sicher vor den Bleichgesichtern, und dort gab es dann ein Schnittlauchbrot.
Manchmal durften wir beim Nachbarn Pony reiten. Das habe ich als Trainingscamp für mich gesehen, aber die Sache hatte einen Haken: Die Nachbarsoma war noch viel herber als meine. Um genau zu sein: Sie war gemein. Ich sehe sie noch heute, wie sie sich auf das hölzerne Geländer des Balkons stützt, der den Bauernhof umrahmt, und in Ihrer fiesen Fistelstimme sagt „Der Gaul wird in zwei Tagen vom Metzger geholt und zu Salami gemacht“. Alle Kinder weinen, bis auf den trotzigen Indianer.
Irgendwann musste sogar ich in die 1. Klasse gehen, und kurz darauf wollte ich nicht mehr Indianer werden. Es war ja aussichtslos: Die von Opa geschnitzten Holzgewehre verloren ihren Reiz. Mama stemmte sich gegen die Anschaffung eines schwarzen Ponys. Ich hatte keinen Stamm mehr, der sich von mir herumkommandieren ließ. Und andere Berufe waren auch interessant. Mirage-Pilot, zum Beispiel, was ich aber nicht geworden bin.
Mein Sehnsuchtsort blieb die USA, das ist sicher Karl May zu verdanken.
Marri aber ist zu verdanken, dass ich mich als Kind immer richtig gefühlt habe, verstanden ohne viele Worte. Und wenn ich heute eine prächtige Scheibe Bauernbrot bestreiche mit einer Butter, die eher das Brot zerrupft, als sich streichzart nennen zu lassen, und wenn ich dann noch scharfen Schnittlauch aus dem Garten von damals drauf streue und vorsichtig salze, dann pfeife ich auf jeden Stern. Dann mampfe ich wie ein Kind, denke an Oma, und fühle mich richtig.
Ach ja, und dann kaufe ich selbstverständlich das große.

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