Elfriedes Furcht vor dem Frühling

Die Dunkelheit, die Kälte, das Glatteis, die Schneefallgrenze – all das hatte sie noch nie leiden können. Doch mit dem Alter wird es schlimmer.

Elfriede Moosmann seufzt.  Sie wird wieder kalte Füße haben, monatelang. Nicht, dass sie nicht heizen könnte. Im Gegenteil, die Fußbodenheizung  funktioniert, die Fenster sind dicht. Elfriede hat es warm. Nur, die Füße sind dennoch immer kalt, es ist diese Art kriechender Kälte, die sich feucht anfühlt, die man zunächst nicht bemerkt, bis die Knie schlottern.

Täglich mehrfach füllt Elfriede die Wärmflasche auf.

Als sie jünger war, als die Kinder da waren, als man viel zu tun hatte im Beruf, im Gemeinderat und den Ausschüssen, da hatte man keine Zeit, über so Kinkerlitzchen nachzudenken. Winter war unangenehm, sicher, und man freute sich auf das Frühjahr, die Zeit war schneller. Aber das war früher. Schon vor vielen Jahren kam die Ruhe angeschlichen, zunächst freundlich und hilfsbereit. Inzwischen ist die Ruhe nicht mehr freundlich. Wie ein Brennglas vergrößert sie alles, was Elfriede unruhig macht.

Denn es ist nicht allein der Winter, die Dunkelheit, die Kälte, die Elfriede die Freude nehmen.

Es ist auch die Sorge über den Frühling, den sie so liebt. Wie oft noch wird sie in ihrem Leben dicke Bündel Schlüsselblumen pflücken können? Norbert, ihr Sohn, der hatte als Baby nach Schlüsselblumen gerochen, ja wirklich. Der Duft der kleinen gelben Blüten ist plötzlich präsent, bringt sie zum Lächeln, Tränen steigen hoch. Der Frühling ist eine endliche Zahl.

„Man müsste im Sommer daheim sein, und im Winter in Portugal.“ Das war ihr Traum gewesen, als sie noch jünger war. Aber als sie ihn hätte erfüllen können, und als sie ihren Traum ganz genau durchgedacht hatte, bis zum Ende – da konnte sie nicht. Sie kannte niemanden in Portugal. Und auch daheim hätte sich alles geändert. Friedhelm, der Handchirurg aus dem Krankenhaus, der hatte das probiert: Als Rentner hat er den Sommer in seiner Heimat Borkum verbracht, im Winter kam er zurück nach Sulzbach. Nach einiger Zeit trat eine Entfremdung ein, die nicht wieder gekittet werden konnte. Nicht in Borkum und nicht in Sulzbach. Das wird Elfriede nicht passieren. Einsamkeit ist noch kälter als der Winter.

Foto: Jo.M.Riccardi

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