Großonkel Eugen und die Sidewinder

Die AIM-9 „Sidewinder“ ist eine Luft-Luft-Lenkrakete mit kurzer Reichweite, die in den 1980er-Jahren weltweit verbreitet war. Sie hatte einen Feststoffraketenmotor, steuernde Querruder, einen Aufschlagzünder und einen hochexplosiven Splitter-Sprengkopf. Knapp 3 Meter lang, um 80–90 kg schwer und mehrere Mach schnell war die Sidewinder ein kleines, tödlich präzises Plug-and-play Werkzeug.

Echt jetzt?

In den frühen 1980er-Jahren waren großangelegte NATO-Manöver in Westdeutschland nicht außergewöhnlich.

Auch US-Streitkräfte waren regelmäßig Teil der Übungen, die Großverbände, Nachschubverlegungen und gemeinsame Feldmanöver auch in süddeutschen Truppenübungsplätzen und Garnisonen in Bayern undBaden-Württemberg umfassten.

Niemand wunderte sich über Kampfjets, die immer wieder über unsere Köpfe hinweg fegten, gefühlt knapp am Blitzableiter auf dem Hausfirst vorbei. Panzer auf den Straßen, Militärfahrzeuge oder Kolonnen gehörten zum Erscheinungsbild jener Zeit.

Allerdings: Als an einem Mittwoch mehrere schwarze Apache-Kampfhubschrauber mit Höllenlärm auf Schmids Waldwiese landeten, als es plötzlich vor Militärs mit Maschinengewehren überall nur so wimmelte, als der Verkehr weiträumig um Schramberg herum gesperrt wurde, als furchteinflößend dreinblickende Soldiers der US-Army den Linienbus kontrollierten, in dem ich saß, da wusste man: Irgendwas läuft hier mächtig aus dem Ruder.

Heruntergefallen

Oh ja. Wenn man mitten im kalten Krieg, in einem großen Manöver, als DIE Weltmacht-Army schlechthin versehentlich eine Rakete verliert und sie zu Fuß suchen muss, ist das ein Problem. Denn explodiert ist das scharfe Teil nicht bei Bodenkontakt. Sie war einfach verschwunden. GPS hatte die US-Army natürlich schon, aber was heute jedes Handy leistet, war damals reinste Zukunftsmusik. So konnte man wohl den Suchradius bestimmen, die Rakete selbst aber nicht orten. Vier Tage lang wurde fieberhaft die Nadel im Heuhaufen gesucht.

Denn muss man wissen: Schramberg ist (fast) überall bekannt als Fünf-Täler-Stadt. Nur eines der fünf Täler ist lieblich und angenehm breit. Die anderen vier sind gesäumt von steilen, stark bewaldeten Hängen und Felsformationen, die zum Klettern einladen. Flüsse, kleine Tümpel, Rückhaltebecken und Stauwehre verschönern zusätzlich unsere Schramberger Schwarzwaldlandschaft. Irgendwo hier hatte sich die Rakete in den Boden gebohrt. Und offenbar konnte sie bei unsachgemäßer Behandlung jederzeit hochgehen.

Eugen, genannt „Schuster“

Mein Großonkel Eugen war ein Original. Er hatte zu der Zeit, als ich ihn kannte, nur noch zwei oder drei Zähne, die vereinzelt standen. Er hatte ein unglaublich faltiges Gesicht, und in meiner Erinnerung waren das lauter Lachfalten. Er war Schuster gewesen und trug immer noch genageltes Schuhwerk. Wenn er der Straße entlang vom unteren zu uns in den oberen Kirnbach kam, hörte man das Klackern von weitem. Meine ebenfalls betagte Oma Marri war mit dem Schuster-Eugen verwandt, und so besuchte er sie zu den Geburtstagen. Jedes Mal sang er ihr zu Ehren ein Ständchen, und immer mit so viel Vibrato, dass ich nie wusste, welches Lied das im Original war. Es wurde damals gesagt, Schuster-Eugen habe mit 70 Jahren das Rauchen angefangen, weil ihn ein Krebs nicht mehr einholen konnte. Und er habe morgens statt Kaffee ein Glas Rotwein getrunken (oder zwei) mit der Behauptung, das tue seinem Herzen gut. Ich mochte Eugen richtig gern, er war nicht so verknöchert wie viele Alte zu jener Zeit.

Auf dem Weg in den Wald

Eugen also, am Samstagmorgen Anfang Februar 1982, steigt hinauf über die sehr steile Wiese in seinen Wald, der oberhalb liegt. Oben am Waldrand angekommen, dreht Eugen sich um, blickt auf seinen Hof hinunter und wundert sich: Sein Schopf* hat ein Loch im Dach. Er dreht um, geht die steile Wiese wieder hinunter zum Schopf, öffnet die Tür und traut den Augen nicht: Da steckt direkt vor ihm eine Rakete. Sie musste kerzengerade durch das Dach gefallen sein und sich ebenso senkrecht in den Betonboden gebohrt haben. Ein Wunder, dass die Rakete nicht explodiert ist. Wie Eugen seinen Fund gemeldet hat, weiß ich nicht – ob er schon einen Telefonanschluss im Haus hatte, ob er Nachbarn um Hilfe gebeten hat oder ob er zu Fuß den nächsten US-Soldier suchte. Jedenfalls war nach kurzer Hektik der Spuk vorbei, die Apache hoben wieder ab, und nach vier Tagen Ausnahmezustand kehrte wieder Normalität ein.

Einige Zeit später ist einer meiner Brüder – wie viele andere aus der Nachbarschaft – zum Schopf gepilgert, um das Loch im Beton zu bestaunen. Und um die Erzählung zum wiederholten Mal aus Eugens fast zahnlosem Mund zu hören.

Wer immer die Geschichte ausmalen, ergänzen, vervollständigen kann: post@echt-jetzt-elisabeth.de. Ich freue mich!

* Schopf: altes Schwarzwälder Wort für einen einfachen Schuppen, gebaut aus Holz

Belege: https://www.upi.com/Archives/1982/02/02/An-American-jet-accidentally-launched-a-Sidewinder-missile-in/1360381474000/?utm_source=chatgpt.com; https://www.upi.com/Archives/1982/02/05/Missing-US-missile-found/2011381733200/?utm_source=chatgpt.com;

Foto http://www.defenseimagery.mil/imagery.html#guid=54014d857fe18d11626640a32e5f324936770a8f; KI; https://media.defense.gov

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