Das Ding mit der Nostalgie

Ich habe eine Zeit gebraucht um zu verstehen: Die Nostalgie der Gestrigen heißt nicht, dass die Gestrigen dahin zurück wollen in die Zeiten, als nur samstags gebadet wurde anstatt täglich geduscht. Als der Zahnarzt richtig grob war. Als der Bademeister die Kinder aus Ordnungsempfinden heraus am Haarbüschel oder den Ohren zog. Als an den Stalltüren das Schild „Tuberkulosefreier Betrieb“ hing. Als an unserer Schule evangelisch und katholisch so streng getrennt wurde, dass wir katholischen Grundschulkinder regelrecht Ängste erlitten, wenn wir uns im riesigen Schulgebäude in den Komplex der „Wüstgläubigen“ verirrt hatten. Nein, kein Mensch will dahin zurück, und wenn heute ein Bademeister unsere Enkel grob anfassen würde, würden wir ihn uns zur Brust nehmen.

„It was never as good as your memory pretends.“ Ja, das Schöne an unserer Stammtisch-, Facebook- und wanderphilosophischen Nostalgie ist, dass früher alles schöner und besser war, weil uns rückblickend nicht so viel gefährlicher, unkalkulierbarer Bullshit bedroht hat wie heute.

Nicht wahr, es gab doch damals nicht all den nationalen, internationalen und technologischen Irrsinn, der unsere Sehnsucht nach Glück, Frieden und Angstfreiheit täglich fragmentiert? Das „Heute“ ist gefühlt die massivste je erlebte Überschwemmung von dummen, großen und absurden Problemen, verursacht von Leuten, die unseren Frieden rauben. Bullshit, wo man hinschaut. Wir werden mit Unlösbarem und Unfassbarem abgegossen, wann immer wir unsere Aufmerksamkeit auf Fernseher, Radio, Zeitung, Rechner, Handy oder Tablet richten.

Aber nein.

Die verklärte Sicht auf die Lage der Nation unserer Jugend zum Vergleich heranzuziehen mit dem aktuellen Absurdistan, ist naheliegend und bequem, führt uns aber auf eine falsche Spur. Die Haltung ignoriert zweierlei: Wir verdrängen die Krisen, Gefahren und Irrungen der Nachkriegs-, Wirtschaftswunder- und Wendejahre. Und wir tun so, als könne man eh nichts machen. Früher war es halt besser, und heute geht alles den Bach runter. „Inge, mach mir no a Pils.“

Aber ja.

Ja, in unserer Jugend war die Welt anders. Freier, weniger reglementiert – wenn man sich getraut hat. Strenger, wenn man erwischt wurde. Das Wasser war sauber, es sei denn, es lief aus alten Bleirohren. Das Eis kostete fünf Pfennig. Teuer genug, damals. Es gab an jeder Ecke eine Stammkneipe, die Leute trafen sich und redeten, statt daheim zu sitzen und die Glotze anzustarren. Und schon am Ende der ersten Woche war ein guter Teil des in Papiertüten ausbezahlten Lohns verso.. ähm, ausgegeben. Ja, die Emanzipation nahm Anlauf, und schon in den 1970ern durften Frauen selbstbestimmt den Führerschein machen.

Wir hatten den kalten Krieg, die Kuba-Krise, Petting statt Pershing, Waldsterben, FCKW, tote Fische in Rhein und Bodensee. Haben wir heute nicht mehr. Die Fische im Bodensee leiden allerdings wieder, dieses Mal unter zu sauberem Wasser. Und ob man heute noch Petting macht oder sagt, weiß ich nicht.

Aber nein.

Ich relativiere nicht.

Ich sage: Die Welt war anders. Wir hatten mehr Probleme früher, als wir uns erinnern mögen. Wir haben viele Probleme gelöst und haben es vergessen. Sind wir zu träge geworden, Dinge beim Namen zu nennen und gute Lösungen zu finden oder mitzutragen? Aber nein.

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Elisabeth ist mein zweiter Vorname. Elisabeth II, und dies hier ist die Plattform: Für hintersinnige Geschichten. Um Schönes zu empfehlen. Zum Auf- und Abregen über Unsinn zwischen früher und heute. Um Leserinnen, Leser und alle dazwischen und außerhalb (danke, Jan Böhmermann!) zu amüsieren, zu erfreuen, ebenfalls aufzuregen, zu inspirieren. Wir lassen die Kirche im Dorf, mit Humor, ohne Nostalgie, mit Verstand und Lust am Denken.

Kramt also durch die Rubriken, stöbert in Gastbeiträgen und schaut, ob die TIPPS Euch gefallen.

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