’sch|mir|wurscht

Im schwäbisch-alemannischen Sprachraum wird über niemanden so oft gesprochen wie über „mr“. Das Wörtchen ist genderneutral, schleift häufig den armen Konjunktiv hinter sich her, kann Singular oder Plural meinen und bezieht sich äußerst selten auf die Sprechenden selbst. Und wie so viele schwäbische Boomer:innen weiß ich: Den „mr“ wird man schlecht los. Er ist mächtiger als der letzte König von Württemberg, nerviger als Zahnweh und präsenter als Social Media.

„mr“ müsste den Müll raustragen. Im Gemeinderat könnt „mr“ ja ausnahmsweise mal keinen Mist entscheiden. „mr“ sollte das Auto waschen. „mr“ könnt doch mal über’s Heiraten nachdenken? Wegen seiner auffordernden Strenge ist „mr“ im Schwäbischen-Württembergischen generell sehr viel beliebter mehr als im fröhlichen Baden. Und um es vorweg zu nehmen: „mr“ unterscheidet sich vom hochdeutschen „man“. Während „man“ gerne sachlich eine Regel beschreibt („man schnallt sich im Auto an“), geht „mr“ fast immer mit einer Aufgabe, gar einem Vorwurf einher. „In meim Auto schnallt mr sich a!“ sagt die Schwäbin, nein, sie murrt oder bellt es.

Ja, „mr“ ist der Name der Pflicht von anderen, Ausdruck für ein übergeordnetes Regelwerk gesellschaftlichen Wohlverhaltens . „mr“ muss die Dinge tun, richtig und rechtzeitig, sich an die gute Ordnung halten, und zwar gscheit – und das alles aus dem Blickwinkel derjenigen, die um das richtige Maß des Wohlverhaltens wissen. Schwer zu verstehen? Oh ja! Selbst für Eingeborene.

Mit diesem „mr“ sind wir aufgewachsen, wir Kinder vom Oberen Kirnbach. Damals hatte „mr“ viel mehr Einfluss auf alles im Leben, und es wurde nicht erklärt. Warum darf ich im Gottesdienst nicht Chewingum kauen? „Des macht mr nit.“ Ende. Warum musste immer eine dramatische Putzorgie stattfinden, wenn Besuch angekündigt war? „Des macht mr so.“

Weshalb muss ich immer Kleider anziehen (und dann nicht ordentlich spielen dürfen)? „Mr muss doch sehe, dass Du a Mädle bisch.“ Als ich von wildfremden Menschen gefragt wurde „Wem ghörsch Du?“ (damals eine übliche Frage nach der Familie), antwortete ich trotzig „Meiner Mama“. Auch das durfte „mr“ nicht. Die Nachbarsmutter nannte mich „Kirnbachzigeuner“, weil „mr“ so bunt und burschikos, wie ich mich zum Spielen umgezogen hatte, nicht rumrennen sollte.

Als ich zum Ende der Grundschulzeit standesgemäß auf die Realschule versetzt werden sollte, konnte ich das nicht akzeptieren. Ich wollte mit meiner Freundin Sabine auf das Gymnasium gehen. Die Noten gaben es her, aber wir waren eine Arbeiterfamilie, und da ging „mr“ nicht aufs Gymnasium. Also bat ich (10 Jahre alt) ohne Wissen der Eltern um ein Gespräch mit dem Rektor der Grundschule und habe ihm (so sagte er) recht direkt klar gemacht, dass er meinen Eltern den Zahn mit der Realschule ziehen müsse. Und obwohl „mr“ so eine Aktion als Viertklässlerin auf keinen Fall bringen konnte, hat es funktioniert. Ja, das hatte ich irgendwann herausgefunden: Der „mr“ hatte nicht Recht. Er war eine schnelle Ausrede der Erwachsenen, immer eine blöde, alte Regel. Man sollte brav sein und anderen nicht unangenehm auffallen. Aber, wie konnte man im Voraus wissen, was nicht richtig war? Was war für alle richtig? Warum durfte ich nicht fluchen, was die alten Leute fluchten? Ich besaß keinen exakten Wohlverhaltenskompass. Strafen waren für mich ärgerlich oder quälend (no chewing gum), sie halfen jedoch nicht, mich mit dem „mr“ besser zu arrangieren.

Wir Kirnbach-Mädle konnten alle kaum erwarten, dass wir älter wurden und jede Ihren persönlichen „mr“ einfach ignorieren konnte, wann immer ihr danach war.

Aber „mr“ war stark. Mein großer Wunsch nach Anerkennung, die Füße im Wurzelballen der Tradition und den Kopf in den 68ern, mein Trotz, meine mangelnde Anpassungsfähigkeit – ich steckte im Wirrwarr fest, die unangenehme Pubertät hindurch, durch die Ausbildung, lange noch im Beruf, sogar als junge Mutter („Echt jetzt, mr wickelt nimme mit Windle, mr nimmt Pämpers …“).

Anpassen. Aufpassen! Ausbrechen? Ja, auf eigenes Risiko, oft genug schmerzhaft, verlustreich. Ah, what the f**ck, trial and error, bis ich endlich langsam klare Sicht bekam, meinen pace gefunden hatte, mit mir und meinen Unebenheiten einverstanden war, einen Humor für’s Leben entwickelt hatte.

Heute bin ich best ager, silver ager, älter oder alt, keine Ahnung, wie „mr“ dazu sagt, es ist völlig unerheblich: Ich bin im ’sch|mir|wurscht-Alter. „mr“ setzt keine Grenzen. Ich gehe zum ersten Motorradrenntraining meines Lebens auf den Sachsenring. Ich lasse mich tätowieren, obwohl die Oberarme nicht mehr muskulös sind sondern eher dünn und sagenwirmal angefaltet. Ich liebe Trailrunning, auch wenn meine Zeiten nicht mehr besser werden. Ich suche mir aus, womit und mit wem ich meine Zeit verbringe. Ich singe beim „Freischütz“ schrecklich laut mit. ’sch|mir|wurscht, was „mr“ dazu sagen könnte. Ich habe es ganz gut hinbekommen, und wenn ich heute einen Tipp geben darf: Werdet die Scham los. Es gibt keinen Grund dafür, sich zu schämen, weil man nicht in ein vermeintlich übergeordnetes Muster passt. Das Muster ist nicht universell und „normal“ ist ein Mythos.

Fotos: Elisabeth

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