Sex im Alter?

Zum 40. Geburtstag meiner lieben Freundin Ingrid schrieb ich ihr ein kleines Büchlein. Das ist jetzt – ich bin indiskret- etwas mehr als 20 Jahre her. Das Büchlein handelt von unserer langen gemeinsamen Geschichte und davon, was uns noch erwarten würde im Leben. 40 Jahre ist immerhin eine Wegmarke, wir stehen an der Schwelle zu einem Raum, den wir überhaupt nicht betreten wollen. Das Wort „altersgerecht“ erscheint blass am Horizont. Ich schrieb damals unter anderem diese Zeilen: „Verdächtig nehmen die Filme im Fernsehen zu, in denen von alternden Schauspielern und -innen dargestellte Senioren und -innen sich entgegen aller Konventionen verlieben, knutschen, Sex haben. Und wenn sie nicht gestorben sind, dann turteln sie uns in etlichen Fortsetzungen vor, dass wir gar keine Angst haben müssen. Ich weiß nicht, was mich an dieser Art Filmen so gereizt macht. Vielleicht ist es der rosa-klebrige Zuckerguss, das produzierte zarte Staunen darüber, dass – ach wie süß! – auch 73jährige sich willenlos verlieben und eine oder mehrere heiße Nächte … hm, wie nennt man das im hohen Alter? – verbringen?“

Heute sind wir Boomerjahrgänge älter. Alt. Im Alter. Oder was genau? Ist man „im Alter“, wenn man Seniorenteller bestellen darf? Wenn die Eintrittskarten vergünstigt sind und die Bahntickets? Wenn man in Rente gehen darf, mit 66 Jahren und 8 Monaten? Ist man im Alter, wenn Zipperlein zu Leiden geworden sind? Wenn man sich lieber ohne Brille im Spiegel anschaut? Seltsam nervös wird, sobald man ordentlich zu schnell fährt? Plötzlich den Blutdruck beobachtet? Sich fragt, welche Umbaumaßnahmen nötig werden für später, also: bald?

Zurück zum Sex.

Die Welt um uns herum war absurd verklemmt. Die Pille war erfunden, die 68er tobten (sich aus). Die gleichwohl erlebte und erzogene Prüderie hatte Gründe, insbesondere bei uns im katholisch geprägten Teil der kleinen Stadt im Schwarzwald war die Kirche eine tiefe Wurzel der Prüderie. Unsere Eltern hätten noch beichten müssen, wenn sie in der Ehe den coitus interruptus praktizierten. Sex aus Spaß? Um Gottes Willen! (Soweit ich weiß, war meine Mutter aber renitent und fand, ihr Eheleben gehe den Pfarrer nichts an.) Als kleine Mädchen und als Teenager sahen wir die grauen Frauen, unsere Großmütter. Sie waren so alt wie ich heute, sie trugen knöchellange Gabardine-Mänteln, die sie vollends unsichtbar machten. Es war für uns un-vor-stell-bar, dass sie Lust empfanden. Sich Sex wünschten oder welchen hatten, sich verliebten, körperliche Nähe genossen, überhaupt einen wohlwollenden Bezug zu ihrem Körper hatten.

Die Zahl ist indiskutabel, und sie mahnt.

Den Zustand indes haben wir über lange Zeit in der Hand. Der Zustand ist eine Haltung, wie wir leben, wie wir entscheiden. Puh, wie abgehoben!

Ich will sagen: Sex hat nichts mit dem Alter zu tun. Die Lust am Sex auch nicht. Die Alten haben ihn oder nicht, ganz genau so, wie Paare oder One-Night-Stands und Singles in ihren Zwanzigern, Dreißigern, Vierzigern, wie Langverheiratete, wie kurze Beziehungen.

Jetzt aber …!

Heute gilt als Erkenntnis – es ist überall zu lesen – dass Sex im Alter gigantisch ist. Dass die Lust überhaupt nicht nachlässt. Dass man, zugegeben, nicht mehr ganz zirkusreife Artistik turnt, aber dass das auch überhaupt nicht nötig ist, um sich völlig wegzuschießen. Im Gegenteil, man grinst über die jungen Wilden, die meinen, es kommt auf Leistung an. Man hört von jungen Paaren gesetzteren Alters, die sich die ersten Monate nach ihrem Kennenlernen nur aus dem Bett schleppen, weil sie Hunger haben, also: zwischendurch Hunger auf Nahrung. Andererseits heißt es, Essen ist der Sex des Alters. Den Spruch habe ich nie verstanden. Essen macht ja immer Spaß, aber selbst der pefekte Rostbraten mit Zwiebeln, die leckersten Spätzle mit Soß, das elaborierteste Sushi aus handaufgezogenem Reis hat mir je einen Orgasmus besorgt. Ich behaupte, das hat noch bei keiner und keinem funktioniert.

Das Geheimis der Alten

Unverklemmt ist auch unsere heutige Gesellschaft nicht. Während das Liebesleben bis zur Lebensmitte hin in Filmen, Büchern, Social Media und sonstwo als Verkaufsbooster Platz und statt-findet, werden die medialen Erzählungen darüber seltener, zuckriger, ja sogar komödiantisch, je älter die Protagonisten (m/w/d) werden. Es ist sogar schwer, ein Beitragsbild zu diesem Text zu finden, das ältere Menschen im Liebesspiel zeigt. Weil Sex im Alter geriatrisch wirkt und nach Desinfektion riecht? Völliger Quatsch! Aber so ist eben der Mainstream in Zeiten, in denen Falten an Kinn und Popo als peinlich gelten, und 20jährige sich Botox in die Stirn jagen.

Daher behalten die Alten ihr Geheimnis für sich, und wenn sie sich bis zur Bewusstlosigkeit durch die Nacht geliebt haben, spüren sie gewiss eine diebische Freude dabei, sich anschließend mit leicht verschobenem Gestell zum Bäcker zu bemühen. Dort denken die Leute vielleicht, man habe Ischias.

Fotos von Godz1 und Deon Black, Unsplash

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