The romantic Black Forest

Wenn ich als Touristin aus China, den USA oder UK in den Black Forest käme, könnte ich fast glauben, die stattlichen Höfe, die pittoresken Fachwerkstädte mit ihren Märkten, die Holzbrücken über liebliche Bächlein, die Kuhherden auf den Wiesen, die Wälder, Burgen und einladenden Täler, der Bollenhut – das alles sei Kulisse, made in Germany, made for tourism. Das Kinzigtal an einem sonnigen Sonntag im Mai: Kitschiger geht es nicht! Word! Ah, doch. Es geht: Im Wiesental. Im Hochschwarzwald. Auf dem Belchen. Im Bühlertal. Auf dem Westweg. In St. Blasien. Am Feldsee. Natürlich in Freiburg. So gut wie überall im Schwarzwald: Kitsch, kunstvoll und mit viel Aufwand inszeniert? The two biggest Cuckoo-Clocks – was denn sonst?

Ich freue mich darüber. Mir gefällt, dass es den Touristinnen und Touristen im Schwarzwald gefällt, egal, ob sie aus New Dehli, New York oder Neukölln kommen. Denn was sie nicht wissen: Der Schwarzwald ist echt so. Er ist so echt, so gastfreundlich, so verwurzelt. So teuer, so grantelig, so schaffig. Er ist kein Tourist-Wonderländ,

Ärger, Theater und Streit fürs Wonderländ

Ja – das gab es und gibt es noch. Denn fast die gesamte Fläche des Schwarzwalds ist geschütztes Gebiet: Es gibt den Nationalpark Schwarzwald, den Naturpark Schwarzwald Mitte/Nord, den Naturpark Südschwarzwald und das Biospährengebiet (Link zu mehr Infos unten). Eine grandiose Natur, Tradition, Wirtschaft, Leben, Moderne. Man kann sich vorstellen, dass dafür immer wieder Interessen abgewogen, Argumente ausgetauscht, Kompromisse gefunden werden müssen. Da gehört Streit im Landtag dazu. Gegen die Vergrößerung des Nationalparks Schwarzwald wird im Sommer 2025 heftiger Widerstand geschürt und man sucht Modelle eines umfassenden Interessenausgleichs wie Beteiligungsverfahren, Ausgleichszahlungen, neue Governance-Strukturen. Klingt nicht romantisch? Ist es auch nicht. Aber hey, der Aufwand lohnt sich. Schaut Euch den Nationalpark Schwarzwald an, der 2014 gegründet wurde. Schon ein bisschen Wonderländ.

A Vorschrift für jedes Gartehaag

Zu unserem Leidwesen sind wir im Schwarzwald nicht frei in unseren Entscheidungen und nicht geschmeidig dereguliert. Die mächtigen Bauernhöfe, die heute nach wie vor in vollem landwirtschaftlichen Betrieb stehen, sind oft hunderte Jahre alt … ah Moment: Kulturdenkmal! Eine Genehmigung bitte für jede bauliche Veränderung, „also, gell, für jede Veränderung“. Die Höfe liegen meist im Außenbereich, da darf man nicht einfach einen Zaun bauen, eine Stützmauer errichten oder einen Weg befestigen. Natürlich müssen spezifische Auflagen zu Bewirtschaftung, Weideführung, Düngung, Herdenschutz und Waldbewirtschaftung beachtet werden, moderne Technik darf nicht mit dem Denkmalschutz kollidieren, und von den ganzen Dokumentationspflichten wird es den Bauern und Wäldern regelmäßig drimmlig. Und dann wandere ich das Kirnbacher „Bollenhut-Talwegle“ hoch und kann es kaum fassen, wie schön es ist. Dort und in all den anderen Tälern, wo sich Menschen darum kümmern, dass die Landschaft erhalten bleibt. Doch jenseits aller Vorschriften zum Schutz von Kultur und Artenvielfalt: Es sind die Schwarzwälder:innen selbst, die den Unterschied machen.

Schon schön …

Liebeserklärung

Seit meiner Kindheit – menschenskinder, so lang her! – bin ich im Wald unterwegs. Früher musste ich mit meiner Oma Marri Tannemockele sammeln, die eigneten sich gut zum Anfeuern. Die Eltern schleppten uns in die Heidelbeeren, die-gesamten-Sommerferien-lang sammelten wir Beere um Beere, um endlich mal ein Fass Heidelbeermost anstatt Apfelmost im Keller zu haben. Mit der Oma ging es regelmäßig einen steilen Waldweg hoch zu einem Geißbockbesitzer auf der Höhe. Dem wurde unsere mitgeführte Geiß ausgeliefert. Ich hatte keine Ahnung, was da los war, und jedesmal furchtbar Angst, was dieser blöde Bock mit unserer Geiß anstellt. Aber die Erwachsenen waren zufrieden. Na gut.

Ich war mit meinen Kindern im Wald, da konnten sie selbst kaum laufen. Wir suchten Pilze entlang des Jackpot-Wegs (da gab es sehr viele), wir erzählten uns Geschichten beim Wandern. Und als Pia amtlich erklärte, sie sei jetzt alt genug und dürfe nicht mehr zum Wandern gezwungen werden (11 Jahre oder so) – und weil ich die Kids nicht mehr lange mit Belohnungen erpressen konnte, da ging ich alleine, mit Freundinnen, mit Partner und Sorgenkindern in den Wald.

Noch heute gibt es für mich keinen schöneren Sport als gemäßigt über Waldtrails und versteckte Wegle zu trotten und meinen Gedanken nachzuhängen.

Und der schönste Sound der Welt ist das Gluckern und Plätschern von Wiesenbächen im Frühjahr.

DANKE!

Jeden Morgen um 5 Uhr aufstehen und nach dem Vieh schauen. Vollkommen vom Wetter abhängen – zeitlich und finanziell. Keinen Urlaub, vielleicht mal einen Tag frei. Viel harte Arbeit, bei jeder Witterung draußen, tausend Fertigkeiten in einem Beruf, Hof und Landschaft erhalten, eine Vesperwirtschaft einrichten, die Wege pflegen, den Schnee räumen … und das Geld wird nicht am Ende des Monats aufs Konto überwiesen, samt Urlaubsgeld, Weihnachtsgeld, Bildungsurlaub.

Dafür habe ich einen unendlichen Respekt. Und am Ende steht der Schwarzwald deshalb so da, wie er ist: Als hätte jemand ein Wonderländ geplant. Bloß dass er halt echt ist, das wissen auch die Hexen. Und die Tourists lieben es.

Fotos: Jo.M.Riccardi; Dirk Schäfer, eigene Fotos, Schwarzwald-Tourismus Kinzigtal

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

ECHT JETZT, ELISABETH?

Elisabeth ist mein zweiter Vorname. Elisabeth II, und dies hier ist die Plattform: Für hintersinnige Geschichten. Um Schönes zu empfehlen. Zum Auf- und Abregen über Unsinn zwischen früher und heute. Um Leserinnen, Leser und alle dazwischen und außerhalb (danke, Jan Böhmermann!) zu amüsieren, zu erfreuen, ebenfalls aufzuregen, zu inspirieren. Wir lassen die Kirche im Dorf, mit Humor, ohne Nostalgie, mit Verstand und Lust am Denken.

Kramt also durch die Rubriken, stöbert in Gastbeiträgen und schaut, ob die TIPPS Euch gefallen.

Social Media