Echt jetzt? Hübsch am Herd?

Die scheinheilige Nostalgie der Tradwives.

Zwei Dinge hätten mich gleich stutzig machen müssen: Der Trend kommt aus Amerika. Und er kommt mit Macht über Social Media, insbesondere TikTok. Aber als ich zum ersten Mal hörte, dass sich junge Frauen am „Ideal“ der 1950er Jahre orientieren, sich als „traditional wife“ inszenieren und ihre Rolle als gut gekleidete Hausfrau, Mutter und Umschwärmerin des Haushaltsvorstandes als die überlegene Daseinsform postulieren, war ich irritiert. Was wollen die? Zurück mit den Füßen in den Beton?

Wenn Du als Mädchen 1961 im Oberen Kirnbach geboren wurdest, warst Du knapp zu spät dran für die 68er. Aber Du hast ihren Einfluss gespürt, im Stadtbild oder an der Schule. Du hast die coolen, langhaarigen Typen und die lässigen Mädchen bewundert, die sich scheinbar von niemandem was sagen ließen. Daheim tickte die Uhr langsamer, und das weiße Album der Beatles galt als „Schüttelmusik“ (Opa, Marschmusikliebhaber, und er meinte die neue Art des Tanzens.) Als ich mir das Album dennoch kaufte, behauptete ich, damit ließe sich sehr gut Englisch lernen. An den langen Haaren herbeigezogen, ging die Erklärung gerade so durch für elektrische, englische Schüttelmusik im Musikschrank.

Nein, bitte keine Aussteuer!

Es war für uns Boomerteenager unglaublich schwer, unseren Platz zu finden. Wir Mädels wollten anders sein als unsere Mütter. Wir wollten keine Resopal-Einbauküche. Wir wollten selbst entscheiden, bockig. Mein Traum mit 16 Jahren war ein Chanel-Kostüm, das ich in Paris vom selbstverdienten Geld kaufe. Absolut unerreichbar, und nicht ganz sauber auf Linie mit den 68ern. Aber ja, zwischen Flaum und Federn steckte man und hatte keine Bedienungsanleitung für’s Erwachsenwerden in einer Gesellschaft, die uns zeitgemäß mit „Frollein“ ansprach. Meine beste Freundin bekam schon die Aussteuer geschenkt, kaum dass sie den ersten Freund nicht mehr verheimlichen konnte. Wie jede Generation hatten wir zu tun mit unserer Pubertät. Und wir lebten in einem Wandel, der wirklich ungemütlich war: „Unter den Talaren – Muff von tausend Jahren“. NS-Aufarbeitung, Generationenkonflikt, Studentenbewegung, RAF, Schmidt-Brandt-Strauß-Wehner, Kalter Krieg.

Unter Wachstumsschmerzen, mit trotzigem Spaß und zu laut für nette Mädels wurden wir zu dem, was uns heute ausmacht. Wir waren auf Demos, lasen EMMA, liebten „Der bewegte Mann“ und stritten halbwegs erfolgreich dafür, dass jede Frau tun oder lassen kann, was sie will: Den Job als Hausfrau. Oder als CEO. Und alles dazwischen, und außerhalb.

Happy Life im TikiToki-Land? Never.

Ich konnte es also kaum glauben, als dieser Retro-Trend aus den Staaten daherzuschwappen schien. Weshalb stilisieren junge Amerikanerinnen ausgerechnet das Nachkriegsbild der eleganten, ergebenen, traditionellen Hausfrau zum neuen Ideal? Und was „aus Amerika kommt“, ahmen wir in Deutschland immer noch gerne nach, egal, wie bescheuert. Ich schaute mir die Filmchen in den Social Media an: So gut habe ich selbst bei hohem Gestaltungsaufwand nie ausgesehen, wie diese Ehefrauen im taillierten Pepitakleid mit ihren wohlgeratenen, glücklichen Babies auf dem Arm, den Balsaholz-Kochlöffel sanft im Irgendwas rührend, in der modernen Küche im hübschen Vorstadthaus. Im Film kommt der fürsorgliche Gutverdiener nach Hause und ist sichtlich zufrieden mit dem, was er antrifft. Sagenwirmalso: Meins wär’s nicht.

Barbie’s big business

Die erfolgreichen Tradwives erzählen ihre Stories als nicht-erwerbstätige, ganztägig mit Haushalt, Kindern und Ehemann beschäftigte Traditionalistinnen. Genau das sind sie nicht. Sie sind Influencerinnen. Ihre Social Media Accounts sind monetarisiert und ein fett funktionierendes Geschäftsmodell: Die erfolgreichste der weltweit Top 3 Tradwives verdient pro Post bis zu 100.000 EUR. Knapp vierzig Millionen Follower rennen dem Trend nach und ziehen sich das Pseudovorbild rein: „Such Dir einen erfolgreichen, gut situierten Mann, der für Dich, für Haus, Auto, Holiday und Happiness sorgt. Dafür kochst Du, machst Dich hübsch, schreibst einen Forderungskatalog, ziehst die Blagen groß und sorgst für ein ausgeglichenes Eheleben. Klingt easy,

„Wissenschaftliche Studien zeigen, dass nur 15% der deutschen Frauen mit traditionellen Rollenbildern sympathisieren, während 77% aller Frauen erwerbstätig sind und die Gesellschaft messbar egalitärer wird. Das Tradwife-Modell ist für 85-90% der deutschen Familien finanziell unmöglich und wird oft von erfolgreichen Unternehmerinnen inszeniert, die Unsummen pro Post verdienen. Die Bewegung wird zudem strategisch von rechtsextremen Gruppierungen instrumentalisiert und hat deutliche Verbindungen zur Alt-Right-Szene. Es gibt keinen empirisch nachweisbaren gesellschaftlichen Backflash zu 1950er-Rollenbildern – die Tradwife-Bewegung bleibt ein Social Media-Phänomen ohne substanzielle gesellschaftliche Rückwirkung.“

@Tradwives: Bleibt in der Blase, und danke für nix.

Bildquellen: Eigene Fotos, Ludwig Binder, Haus der Geschichte (Studentenrevolte); Getty Images/Unsplash

Quellen: https://www.news.at/menschen/tradwife-perfektion-und-patriarchat; https://www.statista.com/statistics/1483123/tradwife-google-search-weekly-united-states/; DIW Berlin – Einstellungen zu Geschlechterrollen (2024) https://www.diw.de/de/diw_01.c.925707.de/publikationen/wochenberichte/2024_46_3/einstellungen_zu_geschlechterrollen_sind_in_deutschland_im_laufe_der_zeit_egalitaerer_geworden.html Langzeitstudie belegt: Deutsche werden egalitärer, nicht traditioneller; Universität Innsbruck – Tradwives Instagram-Analyse (Mixed Methods Studie) https://ulb-dok.uibk.ac.at/download/pdf/11603048.pdf, Wissenschaftliche Analyse der digitalen Romantisierung von Care-Arbeit und strategischen Inszenierung, Tagesschau – Traditionelles Frauenbild bei TikTok (2024), https://www.tagesschau.de/inland/gesellschaft/tradwives-social-media-100.html, Umfassende Analyse der deutschen Tradwife-Szene und gesellschaftlichen Realität, Kontrast.at – Tradwives machen rechte Ideologie salonfähig (2025), https://kontrast.at/tradwife-influencer-bedeutung-rechtsextrem/, Aufdeckung der Verbindungen zu rechtsextremen Bewegungen und politischen Instrumentalisierung, DasInvestment – Finanzielle Risiken des Trad-Wife-Trends (2024), https://www.dasinvestment.com/trad-wife-trend-finanzielle-risiken-fuer-frauen/, Detaillierte Analyse der wirtschaftlichen Unmöglichkeit des Tradwife-Modells für deutsche Familien

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Elisabeth ist mein zweiter Vorname. Elisabeth II, und dies hier ist die Plattform: Für hintersinnige Geschichten. Um Schönes zu empfehlen. Zum Auf- und Abregen über Unsinn zwischen früher und heute. Um Leserinnen, Leser und alle dazwischen und außerhalb (danke, Jan Böhmermann!) zu amüsieren, zu erfreuen, ebenfalls aufzuregen, zu inspirieren. Wir lassen die Kirche im Dorf, mit Humor, ohne Nostalgie, mit Verstand und Lust am Denken.

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