Die Trilogie der guten Blamage: Anfangen, aufregen, ankommen.

Nicht nur – aber auch – für eine robuste Portion Selbsterkenntnis, Hartnäckigkeit und Gelassenheit ist es zuträglich, sich in unsicheres Terrain zu wagen. Etwas anzufangen, etwas zu tun, was man noch nicht gut kann. Sich der Blamage auszusetzen. Eine Zeitlang der oder die Letzte, Schlechteste zu sein. Sich zu messen, Misserfolge lauthals zu kommentieren. Wer immer nur tut, was nie wehtut, kommt vielleicht nicht nach Südfrankreich an den Strand. Oder eben dahin, wo der Traum wohnt.

Diese Erkenntnis ist durchaus schlau, sie ist aber nicht meiner Klugheit geschuldet. Sie ist vielmehr das Ergebnis tausender blauer Flecke an Knochen und Ego, einem Schwimmbad voller Schweißausbrüche und Adrenalin aus dem Zapfhahn – über Jahre. Und einer minimalen Absplitterung im obersten Gelenk meines línken kleinen Fingers.

Aber von vorne.

Motorrad fahren, das wollte ich. Den Führerschein machen. Unbedingt. Ich sah mich auf Reisen, am Strand in Südfrankreich, vor dem Zelt mit Kippe, Vin Rouge und Baguette. Helm auf, Handschuhe an, Zündung, Gang rein, los, davon träumte ich. Allein das Losfahren stellte ich mir ultimativ erfüllend vor, jedes Losfahren eine Verheißung.  Ich wollte so eine hohe Maschine. Ich hatte mich genau vor Augen, wie ich auf das schlanke Teil aufsteige und mit leicht ausgestellten Ellbogen wendig das Terrain durchflitze.

Nun ja. Als ich mein Motorrad beim Händler abholte, da flitzte nix. Da stocherte ich mich lau und elend vom Hof hinein in den Straßenverkehr, vor schierer Aufregung war mein Visier innen angelaufen. Zum ersten Mal in meinem Leben spürte ich dieses besondere Gefühl, das mich viele Jahre begleiten sollte: „Gleich lege ich mich vor aller Augen auf die Schnauze, gleich blamiere ich mich fett.“

Üben? Das ist nicht einfach „im Training die Komfortzone verlassen“. Nein, das sind Tage, in denen der Frosch im Hals Polka tanzt, der Magen sich an die Wirbelsäule zurückzieht, in denen das Hirn Achterbahn fährt für eine Ausrede, die nicht wie das weinerliche Mimi eines Weicheis mit vollen Hosen daherkommt. Trainings, das sind Tage voller Versagenseinheiten, unwürdig verrenkte Positionen, Gestotter im 1. Gang, abgebrochene Hebeleien. Manchmal abgebrochene Schienbeine.

Über Wippen und Autoreifen fahren, in Schräglage über Bretter, aus 50 oder 100 km/h volle Spucke ankern, mit so viel Druck, wie man nur aufbringt an den Bremsen. Und das auch im Stehen auf Schotter, Rumpelwege hoch, Steilabfahrten runter, Slalom im Gemüse, Sand, Schlamm. Ungezählte Male lag ich. In Spanien drosch ich als einzige in der Gruppe auf den einen Stein im Bach, flog über den Lenker ab und lernte, das Loch im Reifen zu flicken. In Portugal landete ich rechts und links in Hecken und Geröll, weil mir oft „der Boden ausging“. Das Boxer-Schwergewicht hing quer in der Böschung, das Vorderrad im Gewässer, aber wer sich so hinlegt, kann sich auch wieder herausarbeiten. Sagten die Trainer und lächelten aufmunternd.

Meine hübsche Ducati habe ich auf dem Hockenheim-Ring stark verformt – Blickführung unterirdisch –  da war sie keine 1000 km alt. Ich konnte tagelang meinen BH nicht schließen, denn die Schulter war ein bisschen beleidigt. Vor zwei Jahren habe ich mir zwei Tage Sachsenring mit alles gegönnt, auf einer unfassbaren BMW M 1000 RR. Ich hatte maximales Muffensausen und maximale Vorfreude. Sachsenring, das sind zehn Links- und vier Rechtskurven. Ich mag Linkskurven nicht, das war richtig gut, und ich habe jede Minute aufgesogen – die Anspannung, das Bezwingen, das Hineinspüren, das Mutigsein.

Feel the Schlotzeisfeeling

Irgendwann, ganz unerwartet, tanzt der Frosch im Hals sanften Rumba. Der Magen rumpelt nur vor Hunger, und das Hirn quatscht nicht mehr dauernd. Irgendwann fährt man okay, irgendwann gut, und irgendwann mit der eleganten Lässigkeit der Erfahrung. Das ist dann wirklich cool. Wenn die Kurven Freundinnen sind, wenn die Schwerkraft gehorcht, wenn gemütliches Gezockel im Rollator-Tempo dazu einlädt, mit der Gashand ein Rino-Schlotzeis zu halten.  Ist natürlich Quatsch, denn mit Helm schlotzt sich Eis schlecht. Und die Eleganz bleibt nicht ewig zu Besuch. Unversehens kommt Fräulein Depp ums Eck, und man fällt einfach um, samt Mopped, würdelos wie ein Kohlesack, vor aller Augen, beim Anhalten an der Ampel.

Fotos: Alles meine. Keine KI.

3 Kommentare zu „Die Trilogie der guten Blamage: Anfangen, aufregen, ankommen.“

  1. Avatar von Alexander
    Alexander

    Wie immer ganz toll zu lesen.
    Chapeau!

  2. Avatar von Renate Vogelmann
    Renate Vogelmann

    Selbst als Nicht-Biker viel Spaß beim Lesen😉

  3. Avatar von Jeanette Maurer-Pontarollo
    Jeanette Maurer-Pontarollo

    so toll zu lesen und soviel Realiät drin

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