Teller zum Beispiel. Früher waren Teller rund und hatten einen ordentlich breiten, irgendwie adäquat hohen Tellerrand, auf dem man Gabel und Messer unfallfrei auflegen konnte, wenn man sich mit der Serviette den Mund abwischen und einen Schluck trinken wollte. Oder wenn man aus anderen Gründen die Hände freibekommen musste, vielleicht um einen Verlobungsring übergestreift zu bekommen, sich die Haare zu raufen oder Kommando Bimberle zu spielen.
Wer in Bestecksprache auf hohem Niveau kommuniziert, nutzt Tellerfläche und Rand und sagt, je nach Position des Werkzeugs, „Das war lecker“, „Das Essen war fürchterlich“, „Ich habe noch Hunger“ oder auch „Lass gefälligst den Teller stehen, ich mach nur eine Pause.“. Das und noch viel mehr teilen Menschen in „Cutlery Language“ mit. Nicht alle können diese Fremdsprache, und mein Level liegt – übertragen – ungefähr beim Sprachvermögen einer Zweijährigen.
Aber wurscht, ob man sich ein bisschen wichtigmachen oder einfach nur in Ruhe essen möchte: Es gibt ein Problem. Der alte Teller hat ausgedient, neue Designs sind en vogue. Beim Nobelitaliener, im Markthallenbistro und auf den Tischen des klassischen Landgasthofs: Ausgefallen muss die Form sein, dreieckig, oval, rechteckig oder völlig fluide, mit flachen Tellerrändern auf Tischniveau, mit dicken Wülsten oder im rechten Winkel scharf hochgezogenen Tellerrändern.
Aber warum?
Egal, wie man am Designtellerrand das Besteck auflegt, es fluppt bauartbedingt in den Teller hinein oder auf den Tisch. Schön, wenn das Messer in der Sauce Hollandaise versinkt, sauber parallel zum Spargel. Kann man überhaupt halbwegs anständig das Ding mit Gabel und Fingern wieder herausangeln aus der triefenden Angelegenheit? Auch schön, wie die Gabel vom Pastatellerrand auf den Tisch knallt und mit der gewonnenen Energie großzügig aglio e olio bis zu einem halben Meter Entfernung verteilt. Wer sich gründlich durchblamieren möchte: So geht das. Vornehme Cutlery Language ist gar nicht möglich auf diesen „Form follows some other function“-Essensträgern. Vermutlich kommt nur Kauderwelsch raus beim Positionieren des Bestecks. Vielleicht sagen Messer und Gabel dann „Umfph..tz.“ Oder „Wer hat sich diesen Scheiß ausgedacht?“

Massendemonstration von Besteck für die Rückkehr zu aussagestarken Tellern
Deppen-Potenzial haben übrigens auch Salate mit Romana-Blättern im DIN A4 Format, faustgroßen Feldsalat-Röschen und Rucola von 20 cm Länge, kunstvoll in tiefen Schüsseln angerichtet sind, drapiert mit Blüten, von denen man nicht weiß: Deko? Selbst wenn man sich an die Regel halten will, Salat nur mit der Gabel zu essen und das Messer maximal zum Falten zu nutzen: Man wird zum Herumfuhrwerken gezwungen, und Spaß macht das keinen.

In die Kategorie „Blamiere Dich täglich“ zählen, nebenbei gesagt, auch turmhohe Burger: Buns, Pattys, Gurke, Tomate und sonstiger Schnickschnack mit Holzspieß festgedübelt, damit der Turm ein Burger bleibt. Schön anzusehen, katastrophal in der optischen Wirkung beim Essen. Fingerfood? Aber darüber belustigen wir uns ein anderes Mal.
Na dann: Guten Appetit!
PS: „Ja haben wir denn keine anderen Probleme?!“ Doch. Aber das Weltgeschehen knipsen wir für einen kurzen Moment aus, um uns dem Ruin von Bluse, Hose und Reputation zu widmen.
Bilder: iStock ID:2170379103, Unsplash, KI

Schreibe einen Kommentar