(M)ein Blick auf die Künstlerin Ingrid Wild.
Die Galerie Wilhelm Kimmich ist brechend voll an jenem Freitagabend im April 2026. Im Zuschauerraum ist kein Stuhl mehr frei, und die Ausstellungsmacher vom gleichnamigen Kunstverein schleppen eilig noch Stühle in einen der Ausstellungsräume, von dem aus man ebenfalls gute Sicht auf Mikrofon und Konzertflügel hat. Ja, Ingrid Wild ist wieder da. Die Vernissage zeigt ihre neuen Werke, und ich bin geflashed.
Ingrid und ich sind schon miteinander zur Schule gegangen, mit dem leuchtorangenen Kopftuch der ABC-Schützen, Schulranzen auf dem Rücken, und Ingrid mit ihrer verhassten kleinen Basttasche sind wir mit dem Bus oder zu Fuß in die Berneckschule, ein Riesenmonsterbau, in dem man sich damals, Ende der 1960er Jahre nicht in spezielle Gebäudetrakte verirren sollte, das war schlimm verboten, es hieß, da seien die Evangelischen. Seit der ersten Klasse sind wir Freundinnen, enge, herzlich verbundene Freundinnen. Ein tiefes Verständnis macht unsere Freundschaft aus. Und Lebensfreude. Manchmal hatten wir keinen Grund zur Freude, manchmal war das Leben scheißkompliziert, ungerecht oder der Typ war ein Depp – keine Frage, wir waren füreinander da, unverbrüchlich solidarisch.
Glaube. Liebe. Bockigkeit.
Während ich im Gymnasium möglichst effizient lernen wollte – aufpassen im Unterricht, um daheim wenig nacharbeiten zu müssen, träumte sich Ingrid von der Schulbank aus durchs Fenster des Klassenzimmers in fremde Welten mit schön angezogenen Damen, die sie in ihre Hefte malte. Nur Mathe und Kunst fesselten sie. Bis zur 10. Klasse: Da hatten die schönen Damen Pause, da hing Ingrid jedem Lehrer, jeder Lehrerin in jedem Fach an den Lippen, nur um der Anhänglichkeit einer langweiligen Sitznachbarin zu entgehen. Gute Noten in der Tasche, wurde Ingrid Auszubildende bei einem Rechtsanwalt. Ihr Ausbilder schickte sie in sein Haus, wo sie Bauernschränke bemalte. Hatte Ingrid nie gelernt, konnte sie aber sehr gut. In der früheren Majolika-Fabrik war Ingrid eine Zeitlang Keramikmalerin. Nicht, dass ich jetzt eine verzwirbelte Herleitung knoten wollte: Schöne Damen in Matheheften, Bauernmalerei und das Bemalen von Keramik taugen überhaupt nicht als Nachweis einer frühen künstlerischen Laufbahn. Blumenmalen war auch nicht, was Ingrid wollte. In ihr war ihr Eigenes, eine Ausdrucksweise. Doch wie sollte sie es anstellen, Künstlerin zu sein, damals, in einer Realität, in der man Aussteuer kaufen musste kurz nach dem ersten Rumknutschen? Ihre Kunst zu erschaffen, einen Raum dafür zu schaffen, das schien unerreichbar weit weg. Aber Ingrid ist unerschrocken, bockig und neugierig.
Und etwas zog sie.
In seinem wunderbarem Roman Rumo & Die Wunder im Dunkeln schreibt Walter Moers von einem silbernen Faden, der für die Hauptfigur Rumo zunächst nur ein verlockender Eindruck ist. Rumo folgt der Spur des silbernen Fadens, der ihn zu seiner Bestimmung und Liebe führt. Ingrids silberner Faden ist ihre Kunst, ihre Malerei. Der Faden zog sie, lockte sie, führte sie – obwohl in ihren Anfängen gar nicht klar war, wohin alles führt. Wie gut ich mich an ihr Atelier auf dem Hardt erinnere. Künstler-Atelier? Ja – im Industriegebiet. Links an einer schlichten Halle ging die Eingangstür in einen kurzen Flur, der Hauptraum war vielleicht 25 Quadratmeter groß, hatte zwei Fenster, eine kleine Spüle stand drin, geradeaus ein einfaches Badezimmer. Ingrid war stolz und eine Zeitlang sehr aufgeregt, ob sie sich nicht übernommen hatte damit.
In diesem schmucklosen Atelier ist Ingrid unbändig, aggressiv kreativ. Sie schont sich nicht, sie bremst sich nicht. Es ist Ende der 1990er Jahre.
Wenn ich sie dort besuchte, riss sie gerade Papierfetzen aus, kritzelte, malte, trug Schichten auf, schmirgelte sie wieder ab, mischte Farben, recherchierte, trank Kaffee, legte sich um 3 Uhr morgens auf eine dünne Turnmatte auf den Steinboden, damit sie nicht zu lange schlief. Um 5 Uhr stand sie wieder auf, ebenso gerädert wie getrieben und voller Ideen. Niemals hätte ich so arbeiten können, ohne Schlaf und in diesem Durcheinander von Leinwänden, Pinseln in Gläsern, Farbpaletten, Farbtuben, Zeitungen, Büchern. Aber das war Ingrids Ordnung, und es passte perfekt.


Links: Ingrid und ich bei einer der Scheunenausstellungen im Oberen Kirnbach, in ihrem Elternhaus. 2004, wir waren damals Anfang 40. Wie immer: Sie strahlend, ich schwarz, wir eng verbunden. Rechts: Ingrid in Arbeitskluft im Schlangenbühl, wo sie im Keller ihr erstes Atelier eingerichtet hatte (1990).
Ingrids silberner Faden war immer stark. Denn einfach ist es nicht, sich mit seiner Kunst einen Namen zu machen, sich freizuschwimmen, gar ein eigenes Haus zu kaufen. Ungezählt sind die Rückschläge, und auch wenn Ingrid eine Kämpferin ist, die nach Einschlägen zornig schimpfend aufstampft, sich schüttelt, die Krone richtet und den Pinsel zückt – als Malerin lebt sie wie alle Künstler:innen dafür, dass Ihre Werke wirken, etwas Gutes ausrichten. Dass mit Menschen Verstehen entsteht. Die Seele ist feingesponnen.
Ja, die Seele ist feingesponnen, und deshalb flasht mich Ingrids neue Ausstellung. Ingrid hatte schon immer was zu sagen, farbig, direkt. Neu ist das Selbstbewusste, die Energie, das Versöhnliche, die Wärme. Neu ist das Weise, das ohne Belehrung daherkommt. Nun ja, wir sind ja auch schon ein bisschen alt, meine liebe Freundin und ich, da darf man Weisheit verbreiten. Aber man muss es eben auch können. Ingrid kann das, und ich bin furchbar stolz auf sie.
„Menschsein, Mensch sein“ ist die Überschrift der Ausstellung. Wer neugierig ist: Hier gibt’s alle Infos https://galerie-wilhelm-kimmich.de/.
Fotos: Danke an Volker Wierzba (www.wierzba-photographie.de); Ingrid Wild Archiv

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