Wenn Carmen und ich gemeinsam unterwegs sind, sind mehrere Dinge klar: Keine mault. Weizen und Weinschorle nach dem Ankommen sind relevant. Luxus ist nicht wichtig. Guter Wurstsalat aber schon. So sind wir auf Motorradtouren unterwegs gewesen, so wandern wir. Letztes Jahr haben wir den Westweg getestet, vier Tagesetappen von Forbach bis nach Hausach. Das ging passabel gut, wir lernten schnell, dass viel schwätzen dazu führt, Abzweige zu verpassen. Dass viel trinken besser ist als nicht.
Dass das Schuhwerk ungefähr so relevant ist wie Weizen, Weinschorle, Wurstsalat.
2026. Neue Wanderschuhe. Eine Woche vorher.

Ja, wir wussten es. Wir binden es ja anderen im Klugscheißermodus auch dauernd auf die Nase: Neue Wanderschuhe muss sich man lange vor einer größeren Tour zulegen und gut einlaufen. Wir hatten ein Jahr Zeit gehabt zwischen Westweg Versuch 2025 und Westweg Checkertour 2026. Also kauften wir eine Woche vor dem Start ein. Ich zockelte zum Eingewöhnen knapp neun Kilometer von Aichhalden heim. Ähnlich problemverneinend bei Carmen: Sie lief zwischen Wohnzimmer und Küche umher, wenn ich ihr Gemurmel richtig verstanden habe, aber egal.
Jeden Tag zwischen 22 und 32 Kilometer. Weshalb, um Gottes Willen?
Wir wissen nicht, was andere an- und umtreibt. Wir hatten ein richtig gutes Gefühl schon Wochen vorher: Das gute Gefühl, nicht zu wissen, wie es uns gehen würde. Ob wir die langen Etappen gut schaffen, ob die Kondition reicht, ob wir klaglos eventuelle Schmerzen aushalten, einfach: ob wir an unsere Grenzen kommen würden. Vorfreude auf lange Tage, lange Wege, sich in die Länge ziehende Stunden und Kilometer. Neugier, was man zu sehen bekommt, wen man vielleicht unterwegs trifft, und wo es den garantiert besten Rostbraten geben würde. Die rote Raute samt Höhen- und Kilometerangaben wird zur Begleiterin, doch manchmal lässt sie einen orientierungslos. Dann hilft eine App namens https://wanderfreund.app/, die spricht gottseidank nicht, sondern zeigt einfach metergenau, wo man gerade steht, und wo man stehen sollte. Wir waren schon ab und zu weg vom Weg.
Feldberg, Belchen, Blauen, Brend. Und Brent.
Gestartet sind wir in Hausach, dort, wo wir ausgestiegen waren letztes Jahr. Die Rucksäcke wie immer mit ein paar Klamotten zu viel bepackt. Und doch hatten wir ja nix zum Anziehen dabei, gefühlt. Immerhin wog das Vesper schwer, das war ein sehr guter Grund für die Schwitzerei gleich beim ersten Anstieg über knapp 800 Höhenmeter bis zur Hasemannhütte. Es war brutal warm, die ganzen sechs Tage war es heiß. Aber als wir einmal oben waren auf den rund 1000 Metern, die wir in den kommenden Tagen mehr oder weniger nicht verließen, da war es wunderbar. Sonne, Wind, Wolken, Waldschatten. Vespern auf einer Wiese, Getränkenachschub im Brunnenhäusle, nettes Geplauder mit anderen Wandervögeln, Staunen über die Weite, Schnaufen an den steilen Pfaden zu Feldberg, Belchen, Blauen. Herrlich. Einige, die wir trafen, waren allein unterwegs, die hatten nach Tagen die Nase voll vom dauernden inneren Dialog und schlossen sich uns eine Zeitlang an.



Zu zweit wandern hat Vorteile: Man teilt die Freude. Wir können miteinander plappern oder Klappe halten. Wir haben kommentarlos ein unterschiedliches Geh-Tempo bei den Anstiegen. Wenn eine von uns Hunger oder Durst hat, dann ist Pause. Easy. Und wir lachen sehr viel, manchmal verstehen wir uns gründlich miß – ich, Schwarzwaldexpertin: „Der Brend ist ziemlich hoch.“ Carmen, Finanzexpertin: „Hä, wieso ist der Brent schon wieder hoch?!“.
Das mit den Grenzen
Carmens kleine Fußzehen sahen an Tag 5 aus, als wären sie in eine Stanzpresse geraten. Meine Sehnen außen über dem rechten Knöchel waren ziemlich schlecht gelaunt. Man gewöhnt sich daran. Und wenn Carmen mich sowas fragt wie: „Wie haben die Leute im Schwarzwald wohl früher gelebt?“, dann will sie, dass ich ausufernd fabuliere und uns ablenke. Klappt super. Schritt für Schritt. Nicht maulen. Nicht fragen. Wie großartig ist die Welt, wie unbedeutend dagegen Zehen und Sehnen.
Aber wenn wir dann an der Unterkunft ankommen, dankbar, verschwitzt, durstig, mit rotzigem Tschacka im Herzen, dann darf uns an der Terrasse das weintrinkende Wanderpärchen, das leider dann doch Bus fahren musste, kein Fersenblasengrößengespräch reindrücken wollen. Dann wird Carmen direkt (O-Ton): „Komm jetzt, einchecka, i muss aus denne Schuh raus. Ond i brauch a Woiza. Schwätze isch nachher.“
Wir erledigten auch die sechste und letzte Etappe unserer Tour, aber hey, am Tag der Heimfahrt nur noch Flipflops, Luft an’d Füß, Prosecco im Zügle und ….

.. und keinen Meter zu viel.
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