Man stelle sich vor, Menschen wären genetisch auf radikales Misstrauen programmiert. Frisch geboren, blinzeln sie skeptisch: „Was sind das für Leute? Was wollen die alle von mir? Kann man das weiße Zeug überhaupt trinken? Ich trau dem nicht, nö, tschüss, kein Bock.“ Das wäre nicht zielführend für eine Spezies. Es gäbe uns nicht.
Nein, es ist andersherum: Vertrauen ist unsere biologische Voreinstellung. Der Homo Sapiens kommt mit der Grunddisposition für Vertrauen zur Welt, darauf hat uns die Evolution gepolt, hormonell unterstützt von Minute eins an. Als hochgradig soziale Wesen haben wir es weit gebracht mit unserem Vertrauen in das, was wir hören, sehen, erleben. Das ist echt, damit gehen wir um.

Abends im Dreikneipen-Eck von Hirschbrunnen, Bären und Rocklore: An den Tischen sitzen Freunde und gute Bekannte, philosophieren über den Umbau des hinteren Rathausplatzes, freuen sich über das warme Wetter, regen sich auf über Wartezeiten beim Arzt, nehmen sich auf gegenseitig auf die Schippe und kauen so lange auf einem Thema herum, bis jeder und jede eine Meinung dazu hat. Man schaut sich in die Augen, klopft sich auf die Schulter, gibt sich die Hand, trinkt noch eins, zahlt. Das ist echt.

Und wenn einer am Tisch von – wasweißich – seiner Jacht am Bodensee erzählt, glauben wir es anerkennend. Stellt sich irgendwann heraus, dass die Jacht in Wahrheit ein Ruderboot ist, fühlen wir uns verarscht und schmieren dem Ruderbootbesitzer unseren Unmut dick aufs Paddel. Aber wir fühlen uns deshalb nicht bodenlos verunsichert, fragen uns nicht, was eigentlich noch wahr ist, wem wir noch glauben können, dass man ja gar niemandem und gar nichts mehr vertrauen kann.
Mit Unwahrheiten können wir umgehen. Fake ist ein anderes Kaliber.
Fake ist – glaube ich – eine biologische Herausforderung für uns Menschen.
Denn mit Zweifel als Basisprogrammierung kommen wir nicht zur Welt. Er schiebt sich nicht bei jeder Information von selbst im Hirn nach vorne und zischt: „Haltstopp, ist das wahr?“ Zweifeln (also nicht dauernörgeln) müssen wir hart lernen, es ist anstrengend, wir müssen abwägen, uns erkundigen, das Bauchgefühl prüfen, das Glaubwürdige(re) suchen. Das können wir nicht im Dauermodus leisten, wir würden verrückt werden. Deshalb sind Fakes perfide, in ihrer Präzision und in ihrer schieren Menge. Weil sie mit unserer urmenschlichen Grunddisposition Schindluder treiben. Und wir merken es nicht. Im Vertrauensmodus gehen wir dem Fake auf den Leim.
Wir sehen ein völlig normales Foto auf Facebook, in der Zeitung, auf Instagram, beim Dia-Abend (achso, ne, das war früher): Wir glauben doch, dass die Kinder „in echt“ im Bodensee plantschen, der junge Kerl sich einen Sonnenbrand zuzieht und … äh, Moooment?!



Fakes, das sind nicht Science-Fiction Szenen, die irre real wirken. Fakes sind auch nicht mit KI generierte und als solche gekennzeichnete Werke. Fakes täuschen, lügen, manipulieren. Und während wir sonst bei unglaublichen Geschichten unser Vertrauen vom Absender abhängig machen: „Wenn dr‘ Karle des sagt, no isch des au wohr“, heißt das in Social Media „bubble“ und führt zu garnix Gutem. Man glaubt schnell mal den allergrößten Mist, solange er aus der gewohnten Social Media Umgebung stammt, maschinell perfekt hergestellt in Bild, Video und Wort.
Ich hoffe, ich wünsche mir, dass es so kommt, wie beim Brot: Man will das echte. Das, was von Hand gemacht wurde. Was nach etwas schmeckt. Was gesund ist und uns nicht mit Zusatzstoffen anreichert. Also ein „approved“ Label für geprüft unverlogene Information, das wärs! Kann man natürlich auch faken, siehe Bio-Eier, aber den Standard hebt es. Bis dahin helfe ich mir strukturell: Ich lese unterschiedliche Quellen, und dazu zählen nicht Instagramm oder Influencer; ich bin sehr wählerisch, schau gerne in Statistiken und recherchiere kreuz und quer. Ein guter Gradmesser ist auch, ob ich mich aufrege: Wenn zwischen Reiz und Reaktion nur Millisekunden liegen (und ich mich grade noch bremsen kann), prüfe ich nach, ob stimmt, was mich so ärgert. Und ich schaue auch gerne mal, was das Ausland sagt. Das alles schützt nicht immer davor, Fake auf den Leim zu gehen – aber es hilft.
Gegen die verbissene Härte von Inhaber:innen geschlossener Weltbilder hilft allerdings nichts. Aber was will man machen: Pech beim Denken gab es in der Evolution schon immer.
Fotos: Unsplash/Jonathan Borba; KI (auch das Bild mit dem Kroko ist KI!)

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