Zwischen damals und irgendwann

 Die Bürgervereinigung Kirnbachtal ist schon mehr als 110 Jahre alt und organisierte zum Beispiel in meiner Kindheit jedes Jahr DAS Waldfest beim Thaddäushof rund um die riesige alte Linde. Damals war ich klein, Opa und Oma lebten noch, und das Ereignis warf Schatten voraus unserer Familie. Freudige Erwartung bei uns Kindern, eine eher kritische Stimmungslage bei den Erwachsenen. Und nach Ende warf das Waldfest noch Schatten hinterher. Dazu später.

Den Ausschlag zum Zurückdenken und Nachfühlen gab der Vortrag „Das Kirnbachtal – ein historischer Rückblick“ von Harald Bargenda im Begleitprogramm der diesjährigen Hauptausstellung im Schramberger Stadtmuseum, das 2026 den Schramberger Bürgervereinigungen eine ganze Vortragsreihe „Zu Hause in Schramberg – Bürgervereinigungen im Wandel der Zeit“ gewidmet hat. Diese Bürgervereinigungen sind nachbarschaftlich verwurzelt, engagieren sich für das Zusammenleben in ihrem Zinken und fördern den Zusammenhalt.

Der schöne Kirnbach im Herbst.

Im Schloss also am 25. Juni dieses Jahres versammelten sich viele Kirnbacherinnen und Kirnbacher. Neben mir saß meine Freundin Stine vom Thaddäushof, der schon einige hundert Jahre existiert. Harald Bargenda nahm uns mit in die vergangenen Zeiten, als es fünf große Höfe gab im Kirnbachtal. Wie früher üblich, lagen die Bewirtschaftungsflächen quer zum Tal, sodass jeder eine Winter- und eine Sommerhalde, Wiesen und Wasser hatte. Darunter der Thaddäushof, aber auch der Fuchsenhof, auf dem meine Freundin Ingrid groß geworden ist.

Erinnertes, Neues, Beklemmendes

Harald Bargenda nahm uns mit durch akribisch recherchierte Hofhistorien, Familiengeschichten, Schicksale, Kriegsjahre, Unglücke wie das Jahrhundert-Hochwasser, bis in neuere Zeiten, in denen „normale“ Häuser gebaut und die Straße asphaltiert wurden. Auf manchen Fotos erkannte ich Gesichter, die ich längst vergessen hatte: Freunde und Verwandte meiner Großeltern. Auf einem Foto (da muss ich vielleicht sechs oder sieben Jahre alt gewesen sein) sah ich meinen Lieblingsonkel „Andermann“, er war ein enorm gutaussehender Tpy! Ich erinnerte mich plötzlich an sein tolles Lachen. Und an die eine zierliche Tante, zwar jung aber schon so mimimi, die seltsam nach Parfüm roch, nicht fein, sondern abgestanden. Ja, und auf einem Foto erkannte ich meinnen Opa in einem Wehrmachtsmantel, zusammen mit anderen Kirnbachern in Uniform. Mein Götte aus der Schweiz hatte mal recherchiert: Opa war wohl als Koch im Krieg eingesetzt. Aber ich bin mir nicht sicher. Ich fand das Bild beklemmend.

Wen Harald Bargenda auf den Fotos nicht erkannte, den erkannte jemand aus dem Kirnbacher Fachpublikum. Ich hätte stundenlang zuhören und Bilder anschauen können, zwischen damals und irgendwann, meine Geschichte. Wie schön, dass die Geschichte vom Kirnbach bewahrt wird.

Links: Oma Marri (und um das jetzt mal zu klären, sie hieß Maria Seckinger, genannt Metzger-Seppe), meine total lustige Tante Klara und mein Opa Josef Seckinger, der Metzger-Sepp, die Gruppe steht vor der Heilig-Geist-Kirche. Die Mädels sind meine Cousinen Anita und Gerlinde.

Und wie war das mit dem Waldfest und der kritischen Stimmung?

Mein Opa, war Maurer, nicht Metzger. Im Alter hatte er schlechte Knie, deshalb ging er am Stock. Wochen vor dem Waldfest entwickelte meine Oma Marri, die Metzer-Seppe, zunehmend schlechte Laune. Denn mit Eintreffen der Festbänke und -tische, die um die Linde vom Thaddäushof herum platziert wurden, nahm mein Opa den Stock und ging die ca. 200 Meter zum „Thaddes“, setzte sich auf die erste aufgeklappte Festbank und verließ das Waldfest gefühlt erst wieder, als am Montag alle Bänke eingeklappt waren, bis auf die, auf der er saß. Dazwischen bewegte er sich wenig, trank üppig und schoss uns Kindern ein Vesper. („Opa, i han Hunger.“ Sepp steht mühsam auf, geht sehr langsam am Stock zum Schießstand, trifft kurzerhand 3 x ins Schwarze, schleppt sich zurück. „Danke Opa!“. Mit der Schießscheibe gibt es eine rote Wurst für uns.)

Oma Marri war unendlich grätig, wenn ihr Gatte sturzbetrunken und eh schon schlecht zu Fuß heim kam. Manchmal musste ich ihn nach Hause ziehen, weil er sonst mehr rück- als vorwärts gekommen wäre. Opa war sehr schwer zu ziehen. Er sank dann auf das Sofa, wo ihm manchmal schlecht wurde. Von Folgen der habe ich nichts mitbekommen, aber nach Omas Zustand haben sie sich gewiss ereignet. Es herrschte wochenlang aggressives Schweigen im Haus, das der Sepp nur durch betont plakatives Arbeiten in seiner Werkstatt wieder aufheben konnte.

Weitere Fotos: Elisabeth, Jo.M.Riccardi

Mehr Heimat? Na, gerne!

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